Die Sammlung Deutsche Bank in Zürich:
Lokaler Fokus, internationaler Flair





Deutschen Bank Zentrale in Zürich, Eingang

Rechts an der Wand sieht man Streifen, links ein geflecktes Schwein, dessen genaue Rasse wohl nur der Fachmann kennt. Zwischen diesen beiden schwarzweißen Fotomotiven von Balthasar Burkhard stehen ein schlichter Konferenztisch mit hölzerner Oberfläche und mehrere Bürostühle der legendären Designer Charles und Ray Eames. Wer immer im Besprechungsraum der Deutschen Bank in Zürich sitzt, der muss sich mit einem ausgesucht sparsamen Interieur begnügen.

Viele Kunden, sagt Managing Director Renzo A. Berger, schätzen diese Beschränkung sehr. Nichts lenke hier ab von den konzentrierten Gesprächen. Und natürlich von den imposanten Tierporträts des Berner Künstlers Burkhardt, der Zebra und Schwein im Profil wie Objekte aus dem Naturkundemuseum fotografiert hat. Manche Kunden hätten wohl erst gern ein bunteres Bild vor Augen und merken dann, dass auch Schwarzweiß unendlich viele Nuancen besitzen kann. Und andere wünschen sich gleich ein paar Zimmer weiter, wo die klaren Favoriten der bankeigenen Sammlung hängen: zwei leuchtend farbige Filmstills "O Ewigkeit, du Donnerwetter" und "Zu deinem Tische treten wir" (1999) von Pipilotti Rist.



Balthasar Burkhard
Zebra, 1996
Sammlung Deutsche Bank
© Balthasar Burkhard


Reserviert werden die Sitzungsräume allerdings nicht. Obgleich die konstruktiven Blätter von Max Bill, die aus der letzten Mappe des großen Schweizer Künstler und Architekten stammen, eine ganz andere Atmosphäre kreieren als etwa Andreas Slominskis flaschenförmige „Vogelfallen“, nutzen die Berater jene Zimmer, die gerade frei sind. So findet man sich beim nächsten Mal vielleicht vor einer Arbeit von Not Vital wieder oder vor den Gouachen von Silvia Bächli, die zu den wichtigsten Zeichnerinnen der Schweiz zählt. Auf ihren weißen Papierbahnen von 1993 formieren sich skizzierte Häuser, Pflanzen und andere minimale Zeichen zu poetischen Abstraktionen, die als Kontrapunkt zu den sonstigen visuellen Reizen im Alltag zu lesen sind.

Obgleich Bächli extrem reduziert arbeitet und damit eine konträre Position zu Pipilotti Rist bildet, die mit dem Tempo und der Informationsflut zeitgenössischer Medien spielt, zeigt schon dieser schmale Ausschnitt, welchen Sammlungsschwerpunkt das Züricher Bankhaus seit 1994 setzt: Man konzentriert sich auf Papierarbeiten, kleine grafische Auflagen, ausgewählte Fotografie – und man setzt auf die Kunstproduktion im eigenen Land. Rund neunzig Prozent der hier vertretenen Künstler stammen aus den eidgenössischen Kantonen; darunter global player wie Max Bill oder der 1996 verstorbene Solothurner Martin Disler, dessen expressives Portfolio "Endless modern licking of crashing globe by black doggie time-bomb" (1981) diverse Drucktechniken und Motive souverän zusammenbringt.



Pipilotti Rist
O Ewigkeit, du Donnerwort, 1999
Sammlung Deutsche Bank




Pipilotti Rist
Zu deinem Tische treten wir, 1999
Sammlung Deutsche Bank


Doch nicht immer muss ein Künstler auf internationalem Parkett vertreten sein, um in die Zürcher Sammlung zu gelangen. Nach Bergers Erfahrung, der die Ankäufe von Beginn an ehrenamtlich betreut und dabei eng mit der Direktorin der Deutsche Bank Art in Frankfurt, Dr. Ariane Grigoteit, zusammenarbeitet, ist diese Fokussierung auf die lokale Kunstszene häufig sogar ein Gewinn. Ein Beispiel? Die in Zürich lebenden Künstler-Brüder Peter, Michael und Silvio R. Baviera. Während im Aufgang des Hauses direkt unter einem Oberlicht Peter Bavieras blauweißes Wolkenbild (1971) hängt, hat Berger die sparsame Arbeit 4 des Bruders Michael Baviera ganz pragmatisch in den Flur gehängt: So kann er der Maßgabe des Künstlers folgen und das Relief aus Buchenholz alle drei Monate um 90 Grad drehen, damit es eine neue Ansicht bietet. Und auch Silvio R. Baviera hält in seiner anspielungsreichen Arbeit einige Überraschungen bereit. Der bildende Künstler, Schriftsteller und bekennende Alt-68er montiert in klarer Anlehnung an die Konkrete Poesie scheinbar zusammenhanglose Wortketten. „Recht macht/macht Recht“ steht auf einem unbetitelten Blatt, das seine subtile Botschaft erst beim zweiten, dritten Lesen entfaltet.

So viel Zeit muss sein, und deshalb folgt das Bankhaus in seinen alten, denkmalgeschützten Mauern im Stadtzentrum auch dem Sammlungskonzept der Deutschen Bank und installiert die Kunst am Arbeitsplatz. Was die Kunstkommission, eine wechselnde Jury aus Galeristen, Museumsleuten und Kuratoren, auf hohem Niveau auswählt, können die Mitarbeiter für ihre Büros ausleihen. Die übrigen Arbeiten platziert Berger nach eigenem Ermessen. Zusätzlich bietet er Führungen durch das Haus und kulturelle Institutionen wie die Züricher Kunsthalle an. Künstler, deren Arbeiten neu angekauft wurden, finden sich häufig zu einem Gespräch ein. Und schließlich wird jeweils ein Künstler im Geschäftsbericht der Deutschen Bank Schweiz vorgestellt.



Martin Disler
Endless modern licking of crashing globe
by black dobbie time-bomb, 1981
© Nachlass Martin Disler. Courtesy Galerie Elisabeth Kaufmann Zürich


Dass Kunst nicht zwingend ansteckend wirkt, nimmt Berger gelassen hin. Schwer haben es vor allem spröde Arbeiten, hinter denen eine komplexe Idee steht, die man sich zum besseren Verständnis häufig erst aneignen muss. Ein zeitgenössischer Maler wie Günther Förg, der 1983 mit schwarzer Tinte verschieden breite Bahnen aufs Papier setzt, gehört ebenso dazu wie Anton Stankowski, der in den siebziger Jahren das berühmte blaue Logo der Deutschen Bank Quadrat mit Schrägstrich entwarf. Seine Grafiken wurden jüngst von einer Mitarbeiterin mit bunten Postkarten überdeckt, die sich ganz offenbar nicht mit den strengen Farbkonstrukten hinter ihrem Schreibtisch anfreunden konnte.

Mit Förg und Stankowski, die beide keine Schweizer sind, manifestiert sich der zweite und ungleich schmalere Teil jener Sammlung, die inzwischen mehrere hundert Arbeiten umfasst: Wo immer es inhaltliche oder formale Querverweise gibt, werden ergänzend Werke aus dem deutschsprachigen Raum angekauft. Stellvertretend dafür steht etwa Imi Knoebel, der seine Arbeiten ab 1976 nach einer in der Industrie verwendeten Rostschutzfarbe „Mennige-Bilder“ genannt hat: Ab Mitte der siebziger Jahre schnitt der ehemalige Schüler von Josef Beuys karge Kreuze, Vielecke und Quadrate in weißes Papier und ließ die darunter verstrichenen Farben zum Vorschein kommen. Eine klare Referenz an Kasimir Malewitsch, der über den Kubismus zu jener gegenstandslosen „konkreten“ Kunstsprache gelangte, wie sie mit einer Vielzahl von Arbeiten in der Sammlung vertreten ist.

Highlights wie die Blätter von Max Bill hat Berger aus dem Nachlass erstanden. Sonst aber legt er großen Wert darauf, „Kunst für morgen zu kaufen“, bevor mit wachsender Popularität auch der Preis für das Werk eines Künstlers anzieht. So ist Balthasar Burkhard, der sich Mitte der 70er für sechs Jahre in Chicago niederließ und anschließend in die Schweiz zurückkehrte, nicht nur mit mehreren fotografischen Serien vertreten. Den ersten Kontakt gab es während eines Wettbewerbs, in dem es um die adäquate Gestaltung des Eingangsbereichs im Erdgeschoss ging.


Glasinstallation von Balthasar Burkhard im Foyer der Deutschen Bank, Zürich
Sammlung Deutsche Bank
© Henning Bock


Gewünscht war ein Sichtschutz für die Mitarbeiter, der das Licht von draußen nicht schluckt und es sanft streuen lässt. Burkhard überzeugte mit einer Serie von satinierten Glaspaneelen, die beweglich sind und auf denen sich mehrere monumentale Wirbel- und Schneckenformen abzeichnen. Für Berger assoziieren diese Formen eine perfekte Balance von Schutz und Geborgenheit. Darüber hinaus spielt der Künstler in seiner Installation Durchleuchtung jedoch auch mit den Zeichen der Vergangenheit: Auf dem alten Terrazzoboden im Foyer zeichnet sich deutlich ein großes Fossil in Schneckenhausform ab.

Nicht immer gelingt die Synthese zwischen alter Bausubstanz und junger Kunst so elegant. Das Gründerzeithaus, in dem die Bank auf allen Etagen zwischen verschnörkelten Holztüren und üppigen Wandpaneelen residiert, ist weder ein white cube, noch gehorcht es den Regeln eines funktionalen Bürohauses. So nimmt die Kunst dort Platz, wo sie ihn findet – und sei es über den Kopiergeräten, wo man sich während der Wartezeit an der Maschine in jene alpinen Ansichten versenken kann, die Burkhard erst fotografiert und dann in kontrastreiche Heliogravüren umgesetzt hat.

So authentisch wirken seine Motive, dass jüngst ein Geschäftskunde und Veterinär erst das Wollschwein streng ansah, es dann für absolut gesund erklärte und schließlich ebenfalls ein Foto kaufen wollte. Doch dafür ist es nun zu spät – das in kleiner Auflage erschienene Tierporträt, das Berger bereits vor einigen Jahren erstanden hat, ist längst vergriffen.


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