Die Sammlung Deutsche Bank in Tokio:
„Absolutes Nachdenken über den Alltag“


Sanno Park Tower, Niederlassung der Deutschen Bank in Tokio
Als eines der höchsten Gebäude Tokios prägt der Sitz der Deutschen Bank die Silhouette der Stadt: Mitten im Regierungsviertel überragt der prominente Sanno Park Tower mit seinen 194 Metern das Areal und bietet den Mitarbeitern der Bank, die im 16. bis 20. Stockwerk des Hochhauses arbeiten, einen umfassenden Panoramablick über die Metropole. Seit seiner Fertigstellung im August 2000 beherbergt der Turm nicht nur den Hauptsitz der Deutschen Bank in Japan, sondern auch rund 350 Werke der Unternehmenssammlung. Der Idee des kulturellen Austauschs folgend, stellt die Präsentation der Kunstwerke dabei zeitgenössische Arbeiten deutscher und einheimischer Künstler gegenüber. Das eigens auf das Gebäude zugeschnittene Kunstkonzept entwickelte Friedhelm Hütte, Direktor der Deutsche Bank Art in Frankfurt in Kooperation mit der Tokioter Kunstberaterin Yoshiko Isshiki. Verbindendes Kriterium der ausgestellten Werke ist die Auseinandersetzung mit alltäglichen Wahrnehmungen und Lebenswelten.


Empfangshalle der Deutschen Bank im Sanno Park Tower in Tokio
Angesichts der herausragenden Architektur in der Umgebung verzichtete das für den Bau des Hochhauses verantwortliche Büro Mitsubishi Jissho Sekei auf Kunst rund um das Gebäude. Auch beim Betreten der funktional gestalteten 15 Meter hohen Eingangshalle des Towers lässt der kühle Modernismus der Architektur noch nichts von der Ruhe und Wärme der minimalistisch gestalteten Empfangshalle der Deutschen Bank im 16. Stockwerk erahnen. Aufnahmen vom Berliner Reichstag vor der Renovierung, eine mit Leuchtfäden überzogene Frucht, die keltische Kultstätte Stonehenge: Tokihiro Satos dreiteilige Schwarzweiß-Fotoarbeit Horned Melon von 1994 empfängt an der rechten Wand des mit poliertem Kalkstein verkleideten Foyers den Besucher und ist der Auftakt zu künstlerischen Gegenüberstellungen, die sich in der Präsentation der Sammlung Tokio finden lassen.


Fotografien von Tokihiro Sato im Foyer der Deutschen Bank, Sanno Park Tower Tokyo
Sammlung Deutsche Bank
© Henning Bock
Nacht scheint über Satos in fahles Licht getauchten Bildern zu liegen, die von geheimnisvollen glimmenden Lichtpunkten übersät sind. Seine Fotografien sind mit extrem langer Belichtungszeit aufgenommen. Die Lichtpunkte entstehen, indem der Fotograf sich tagsüber während der Belichtung mit einem Spiegel an verschiedenen Stellen positioniert und in die Kamera blendet. Nachts benutzt Sato einen fluoreszierenden Leuchtstift. Da sich der Fotograf während der Belichtung langsam, aber ständig vor dem Motiv bewegt, bleibt er selbst im Bild unsichtbar. Nur die Lichtpunkte zeichnen seine Bewegungen nach. Kann die poetisch anmutende Konfrontation offenbar zusammenhangsloser Bildmotive auch als Aufforderung verstanden werden, scheinbare Gegensätze assoziativ miteinander in Beziehung zu setzen, geht es Sato in seinen Fotografien vor allem um die Vergegenwärtigung subjektiver zeitlicher Wahrnehmung. Die Lichtspuren auf dem Foto markieren dabei das Verrinnen der Zeit und erschaffen im Zusammenspiel von Raum und Bewegung eine fast plastische Struktur.


Fotoarbeiten der Serie Tokyo Story von Nobyoshi Araki im Eingangsbereich der Deutschen Bank in Tokio
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Auf ganz andere Weise setzt sich Gerhard Richter mit der Fotografie auseinander. Die scheinbar „objektive“ Realitätsabbildung der fotografischen Vorlage dient ihm als Vergleichsfolie zur Malerei. Die in Tokio gezeigten Drucke Kanarische Landschaften II (1971) oder Besetztes Haus (1990) wirken dabei wie Bindeglieder zu seinen fotorealistischen grauen Bildern der 60er und 90er Jahre. Deutliche Analogien zwischen Gerhard Richters Fotoarbeiten und den Werken prominenter japanischer Fotografen zeigen sich in den Werken, die sich über die 16. und 20. Etage verteilen: Die Schwarzweiß-Serie Tokyo Story (1983-84), mit der Nobuyoshi Araki ein kühles und dokumentarisches Stadtporträt zeichnet, oder Hiroshi Sugimotos impressionistisch anmutendes Foto-Triptychon D.E. Shaw and Company Office (1997), das ein menschenleeres Büro als sakralen Innenraum erscheinen lässt, ergänzen Richters Auseinandersetzung mit Malerei, Fotografie und menschlicher Wahrnehmung nahezu perfekt. Wie in einem Episodenroman entspinnt sich vor den Augen des Betrachters ein erzählerisches Panorama von Stadt- und Alltagssituationen.


Fotografien von Thomas Struth in einem Besprechungsraum der Deutschen Bank, Sanno Park Tower Tokyo
Sammlung Deutsche Bank
© Henning Bock
Der größte Raum der Tokioter Niederlassung ist der Boardroom in der 20. Etage. Hier bieten die Fensterflächen an der Stirnseite einen freien Blick auf die Skyline im Stadtteil Rappongi. Neun Farbfotografien der River Series (1993-96) von Naoya Hatakeyama hängen an den Zwischenwänden der Fenster. Vor dem Hintergrund der Skyline lenken sie die Aufmerksamkeit auf einen künstlich geschaffenen Naturraum, der sonst fast unbemerkt bleibt. So sind es die betonierten Abwasserkanäle Tokios, die Hatakeyama in idyllisch anmutende Bilder bannt. Doch der erste Eindruck täuscht. Die beschauliche Stimmung der nächtlich erleuchteten urbanen Architektur, die sich im Spiegelbild des Kanalwassers ruhig fortsetzt, weicht bei genauer Betrachtung der nüchternen Realität: Im gebrochenen Abglanz der moderigen Wasseroberfläche drängt die hoch organisierte, brachiale und erbarmungslose Seite der Metropole ans Licht.
Neben der Fotografie bilden Arbeiten auf Papier einen Schwerpunkt der Sammlung Tokio. Die einzelnen Etagen widmen sich unterschiedlichen Strömungen japanischer und deutscher Nachkriegskunstkunst: Sind in der 17. Etage Zeichnungen zu Skulpturen (Sculpture Drawings) zu sehen, fokussiert sich die Hängung in der 18. Etage mit Künstlern wie Georg Baselitz, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz und A.R. Penck auf neoexpressionistische deutsche Malerei, in der 19. Etage schließen sich Minimal Art und Konzeptkunst an. Das Thema der Zeitwahrnehmung, das der Fotograf Tokihiro Sato mit seiner Serie Horned Melon aufgreift, findet hier mit Makoto Sasakis Arbeit eine konzeptionelle Entsprechung. So füllt sich seine 1998 entstandene Zeichnung Heartbeat Drawing 24-Hours mit Linien aus rot schimmernder Tinte, deren zeichnerischer Rhythmus sich nach dem Herzschlag des Künstlers ausrichtet, den er über 24 Stunden festgehalten hat. Das Ergebnis ist ein beinahe monochromes, flirrendes Bild.


Objekt von Tatsuo Miyajima im Eingangsbereich des Händlerraums der Deutschen Bank, Sanno Park Tower Tokyo
Sammlung Deutsche Bank
© Henning Bock
Wenngleich das Spektrum deutscher und japanischer Kunst im Sanno Park Tower kulturelle und geschichtliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten verdeutlicht, trennt die Kunstwerke in ihrer räumlichen Nähe nur ein Herzschlag. Tatsächlich offenbart diese Nähe die Vielfalt der Erfahrungen, die Kunst möglich macht. Am Eingang zu den Händlerräumen für Global Markets fällt besonders das Leuchtzifferobjekt von Tatsuo Miyajima auf: K.C.C. Y/R-7. Es wurde ausgewählt, weil es die Zahlen, mit denen die Händler täglich arbeiten, in einen neuen Kontext stellt. "So lange es Elektrizität gibt, kann dieses Werk in völlig zufälligen Abfolgen neue Zahlenreihen generieren, und damit zeigt es auch den unendlichen Charakter der Zahl auf", erklärt Yoshiko Isshiki. Die Zeichen der Zeit deuten auf kontinuierlichen Wandel: Mit ihrem Konzept der Kunst am Arbeitsplatz nimmt die Deutsche Bank Tokio gegenüber anderen Unternehmen noch immer eine Vorreiterstellung ein, besonders wenn es um aktuelle, junge Kunst geht. In Japan ist Kunst in Büros etwas eher Ungewöhnliches, Arbeitsplätze sind hier meist schmucklos und funktional. Doch auch in Tokio geht das Konzept Kunst am Arbeitsplatz auf. Ist sie in den Alltag integriert, entfaltet Kunst ihre Wirkung. Wie die Werke von Rupprecht Geiger in der 19. Etage: Yuko Ujita, Vizepräsidentin für Marketing und Kommunikation, erzählt, Geigers leuchtend orangefarbige Kreise bringen sie auf immer neue kreative Gedanken. Die Verbindung zwischen Kunst, Arbeit und Lebenswelt scheint sich in der Stadt langsam durchzusetzen. Von der 20. Etage im Sanno Park Turm fällt der Blick geradewegs auf den Mori Tower. Dort eröffnete Japans bekanntester Bauunternehmer und Kunstsammler Minoru Mori 2003 im 53. Stock des Bürohauses sein international renommiertes Museum für japanische Gegenwartskunst.
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