Die Sammlung Deutsche Bank in New York:
Zusammenspiel von Kunst und Arbeitswelt



Das geschäftige Treiben an der New Yorker Wall Street ist selbst demjenigen ein Begriff, der noch nie Gelegenheit hatte, der Metropole am Hudson River einen Besuch abzustatten. Unzählige Kinofilme haben das Bild einer pulsierenden, aufregenden und vitalen Szenerie geprägt, die unsere Vorstellung des unermüdlichen Geschäftslebens an einer der bekanntesten Börsenstrassen der Welt bestimmt. Betritt man die Hauptniederlassung der Deutschen Bank in New York, die 2004 von Midtown Manhattan in ihr neues Gebäude an der Wall Street gezogen ist, überrascht daher die ruhige und gelassene Atmosphäre im Foyer. Einzig Gerhard Richters großformatiges Gemälde Abstraktes Bild – Faust von 1981, das im Wartebereich der Empfangshalle sofort die Aufmerksamkeit auf sich zieht, wirkt wie eine Reminiszenz an die lebendige Vielfalt der Stadt.



Gemälde von Gerhard Richter im Foyer der Deutschen Bank, 60 Wall Street, New York
© Sammlung Deutsche Bank


Grellbunt schieben sich die Farbflächen des Gemäldes in Faltungen übereinander, verschwinden im Bildgrund oder springen als dynamische Farbstreifen in den Vordergrund. Als würde sich ein Fenster öffnen, bietet sich der Blick in einen von Energie und Bewegung angetriebenen Kosmos, der die betriebsame Arbeitsumgebung in den 47 Geschossen des Bankgebäudes widerspiegelt. In seiner 1976 begonnenen Werkreihe Abstrakte Bilder, zu denen Richter bis heute immer wieder zurückkehrt, sucht der Künstler Analogien zur fasslichen Darstellung der Wirklichkeit in seinen gegenständlichen Arbeiten zu schaffen: „Bilder sind um so besser, je schöner, klüger, irrsinniger und extremer, je anschaulicher und unverständlicher sie im Gleichnis diese unbegreifliche Wirklichkeit schildern.“ Anlässlich seines siebzigsten Geburtstags wurde der deutsche Künstler 2002 mit einer umfassenden Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art geehrt. Abstraktes Bild – Faust, diese herausragende Arbeit Richters, hat hier in der Deutschen Bank Wall Street einen prominenten Platz gefunden.



Arbeiten von James Nares, Konferenzraum, Deutschen Bank, 60 Wall Street, New York
© Sammlung Deutsche Bank


Angesichts der komplexen Bezüge, die sich aus dem „realen“ Zusammenspiel von Kunst und Arbeitswelt ergeben, verwundert es daher nicht, dass Liz Christensen, seit 1994 Kuratorin der Sammlung Deutsche Bank in New York, die Entwicklung des künstlerischen Konzeptes für den ursprünglich 1989 errichteten Turm als „echte Herausforderung“ bezeichnete. Bereits 2001 von der Deutschen Bank erworben, um die zuvor auf mehrere Gebäude verstreut untergebrachten Büros unter einem Dach zu vereinen, wurde die Innenausstattung für die Präsentation der Kunst aus der Unternehmenssammlung neu überarbeitet und angepasst. Zusammen mit Dr. Ariane Grigoteit und Friedhelm Hütte, Direktoren der Deutsche Bank Art, galt es, „einen sehr attraktiven Ort“ zu schaffen, „an dem man gleich beim Betreten des Hauses einen Eindruck von der wirklich hervorragenden Sammlung der Bank bekommt“.



Grafiken von Andy Warhol, 47. Etage, Rezeption, Deutsche Bank, 60 Wall Street, New York
© Sammlung Deutsche Bank


Dem Konzept entsprechend ist die Hängung der Kunstwerke in jeder Etage nach unterschiedlichen Themen oder kunsthistorischen Bezügen geordnet, die es erlauben beim Rundgang durch das gesamte Gebäude, die New Yorker Sammlung als „Kleine Geschichte“ der Kunst diesseits und jenseits des Atlantiks zu erleben. Besonders deutlich wird dies in den Eingangsbereichen und den Fluren der einzelnen Etagen, wo die Werke der ausgestellten Künstler in einen übergreifenden Dialog verschiedener Kulturen treten. Wichtigster Schwerpunkt der Sammlung sind dabei Arbeiten auf Papier, deren Präsentation Liz Christensen exemplarisch beschreibt: „In der 46. Etage, die dem Thema ‚Form und Abstraktion’ gewidmet ist, wird Blinky Palermo James Nares gegenübergestellt, oder Keith Haring in Bezug zu den Arbeiten von Nina Bovasso gesetzt. So wird sichtbar, wie sich Künstler unterschiedlicher Generationen, Nationalitäten und mit unterschiedlichem Hintergrund mit der abstrakten Zeichensetzung auf Papier auseinandergesetzt haben.“



Lee Krasner, Twenty Four Hours Dark, 20. Etage, Konferenzraum, Deutsche Bank, 60 Wall Street, New York
© Sammlung Deutsche Bank


Während einige Etagen ein extrem minimalistisches Design aufweisen, sind andere, wie etwa die 20. Etage, mit aufwendigen Holzvertäfelungen ausgestattet. So auch die Räume in den Vorstandsetagen. Hier steht die einzige Skulptur der New Yorker Sammlung: Louise Nevelsons Entwurf für Sonnenscheibe / Mondschatten V von 1976-78. In ihrer Assemblage kombiniert die Künstlerin schwarz gefasste Hölzer und Bretter zu einem sakral anmutenden Schrein.



Aquarelle von William Sommer, 20. Etage, Konferenzraum, Deutsche Bank, 60 Wall Street, New York
© Sammlung Deutsche Bank


In der 20. Etage hängen die Three Dancing Figures, eine 1923 entstandene Gruppe von Aquarellen des Künstlers William Sommer, die der Gemäldeserie von Lee Krasners Twenty Four Hours Dark von 1981 gegenüber gestellt sind. Noch ein anderes Highlight ist zu entdecken: Eine seltene, 1963 entstandene Gouache von Eva Hesse, die in den 60er Jahren im Umfeld von Minimal und Pop Art ein Oeuvre erschuf, das sich jeder Kategorisierung entzieht. Umso interessanter wirkt es denn auch, diese eigenwillige konzeptuelle Arbeit neben der analytischen Zahlenwelt von Alfred Jensens Second Version of 5760 Days: 360 = 16 Solar Years zu sehen. Die 1977 entstandene Ölarbeit auf Papier ist Teil der umfassenden Beschäftigung des Künstlers mit verschiedenen Zahlensystemen in Verbindung mit Goethes Farbenlehre und Leonardos Schriften. Im Arbeitsumfeld der Bank provozieren gerade diese konträren Gegenüberstellungen häufig das Interesse der Mitarbeiter, wobei Liz Christensen hier als Vermittlerin im eigenen Haus gefordert ist: „Ich habe da eine Brückenfunktion – ich vermittle zwischen der zeitgenössischen Kunst, die schwierig und manchmal auch heikel sein kann, und den ‚ganz normalen’ Leuten, die hier arbeiten, seien es Angestellte oder Besucher.“ Die regelmäßig initiierten Talks mit ausstellenden Künstlern in der Bank, an denen ebenfalls Besucher teilnehmen können, ermöglichen es zusätzlich der Öffentlichkeit das Konzept der Sammlung vorzustellen. Die Resonanz auf die Kunst im Haus bleibt so nicht nur auf die Mitarbeiter beschränkt. Zwei Stockwerke mit Konferenzräumen haben die Internationalität zum Thema und bieten auch Kunden und Besuchern die Gelegenheit zum Kunsterlebnis. In diesen Etagen finden sich unter anderen Arbeiten lateinamerikanischer, asiatischer und afrikanischer Künstler, darunter Felix Gonzalez-Torres, Gunther Gerzso, Alioune Ba, Nam June Paik und Hiroshi Sugimoto. Nicht zuletzt spiegelt sich hierin auch die globale Ausrichtung der Bank.





Imi Knoebel, Trading Floors, Deutsche Bank, 60 Wall Street, New York
© Sammlung Deutsche Bank


Die Eleganz und Zurückgezogenheit der 20. Etage weicht auf den Trading Floors in den unteren Geschossen einem hektischen Getümmel. Endlose Reihen von Monitoren und LED-Anzeigen dominieren die Handelsräume, in denen das tägliche Börsengeschäft eine aufgeregte Atmosphäre verbreitet. Inmitten dieser Kulisse strahlen die abstrakten Geometrien von Imi Knoebels Messerschnitt-Serie heitere Gelassenheit aus. Wie verstreute Farbschnipsel verteilen sie sich auf dem weißen Papier, ganz so als hätten sie in der zufälligen Anordnung ihren idealen Platz gefunden. Hat der Besucher seinen Rundgang durch die Sammlung der Deutschen Bank New York beendet, begegnet ihm in der Lobby erneut Gerhard Richters Abstraktes Bild. Das dynamische Gemälde stimmt den Besucher ein auf die Vitalität der Wall Street, die ihn umfängt, wenn er das Gebäude wieder verlässt.


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