Die Sammlung Deutsche Bank im London:
Farbe, Helligkeit, Dynamik
Unweit der Liverpool Street, mitten im Herzen der Londoner City, eilen Banker, Boten, Mitarbeiter und Besucher des britischen Hauptsitzes der Deutschen Bank durch die große Eingangshalle des Winchester House – ein beständiges Kommen und Gehen, bei dem alle Kulturen, Altersstufen und Gesellschaftsschichten vertreten scheinen. Fast wirkt es, als würde der Menschenstrom geradewegs in den spiralförmigen Farbwirbel eines riesigen Gemäldes am Kopfende des Foyers gesogen – in James Rosenquists monumentales Gemälde The Swimmer in the Econo-mist, das 1997 als Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim in Berlin entstand und 1999 im Foyer des Winchester House seinen Platz gefunden hat. Nirgendwo anders verdeutlicht sich die Programmatik des Werkes wohl besser als an diesem Ort. Rosenquists grellbunte Vision des anbrechenden 21. Jahrhunderts thematisiert die zunehmende Virtualisierung des Raumes und das ungeheure Tempo ökonomischer Umbrüche.


Eingang ins Winchester House, Deutsche Bank, London
Sammlung Deutsche Bank
Wie das monumentale Werk des amerikanischen Pop-Künstlers setzt sich auch die im Foyer platzierte Skulptur Secretions (1998) des Briten Tony Cragg mit Denk- und Wahrnehmungsmodellen des Informationszeitalters auseinander: Zusammengesetzt aus zig-tausenden weißen Plastikspielwürfeln, die sich wie Moleküle zu organisch anmutenden Clustern aneinanderfügen und eine flirrende Oberfläche aus unzähligen Punkten bilden, bewegt sich Craggs Arbeit zwischen Systematik und Zufall, Chaos und Ordnung. Den hinteren Eingangsbereich an der London Wall dominieren kühle Helligkeit und durch und durch britische Eleganz. Damien Hirsts minimalistisches Gemälde Biotin-Malemide (1995) spiegelt sich in Anish Kapoors Edelstahlskulptur Turning the World Upside Down III (1996), die im Wechselspiel zwischen Form und Licht beinahe zu verflüssigen scheint.


Skulptur von Tony Cragg im Foyer des Winchester House, Deutsche Bank, London
Sammlung Deutsche Bank
© Henning Bock
Der Eindruck von Farbe, Helligkeit und Dynamik, den Kunst und Architektur im Winchester House vermitteln, ist das Resultat intensiver Planung. So wurden bei der architektonischen Entwicklung des 1999 eröffneten britischen Hauptsitzes der Deutschen Bank Ariane Grigoteit und Friedhelm Hütte als Direktoren der Deutsche Bank Art zu Rate gezogen, um bereits im Vorfeld optimale Bedingungen für die Präsentation und Zugänglichkeit der Unternehmenssammlung zu gewährleisten. Auch für die Kuratorin Mary Findlay und ihren Kollegen Alistair Hicks, die seit 1997 die Londoner Sammlung und die künstlerische Ausstattung der britischen Niederlassungen betreuen, steht die Integration der Kunst in den Alltag eines Bürohauses mit 2000 Arbeitsplätzen im Vordergrund. Dazu gehört ein notwendiges Maß an "Storytelling", das kunstgeschichtliche Zusammenhänge bereits durch die Hängung der Werke im Gebäude intuitiv erfassbar macht. Ist in den Frankfurter Zwillingstürmen jede einzelne der über fünfzig Etagen einem Künstler gewidmet, musste für den länglichen, wellenförmig geschwungenen Bau des Winchester House ein anderes Konzept gefunden werden.


Skulptur von Anish Kapoor und Gemälde von Damien Hirst im Foyer des Winchester House, Deutsche Bank, London
Sammlung Deutsche Bank
© Richard Bryant, Arcaid
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In London spielt sich der Dialog zwischen deutscher und britischer Gegenwartskunst nicht in einer vertikalen, sondern in einer horizontalen Konstellation ab. In annähernd sechzig Konferenzräumen werden Arbeiten jeweils eines prominenten deutschen oder englischen Künstlers gezeigt, der zugleich auch den Namen des jeweiligen Raumes prägt. "Ist Freud gerade frei?" – "Treffen wir uns gleich bei Richter?" Was dem Gast anfangs befremdlich anmuten mag, ist für die Mitarbeiter und Geschäftspartner des britischen Hauptquartiers alltägliche Selbstverständlichkeit: Die persönliche Begegnung mit unterschiedlichen Kunstströmungen am Arbeitsplatz erscheint hier so vertraut, dass die Namen von Künstlern wie Lucian Freud, David Hockney, Richard Hamilton oder Sigmar Polke im Gespräch fallen, als wären sie alte Bekannte. Die Konferenzräume, in denen immer auch Künstlerbiografien und Kataloge ausliegen, bilden Fixpunkte für thematische Hängungen, die sich sowohl an einzelnen Künstlern oder Kunstgattungen als auch an für die Nachkriegskunst wegweisenden Ausstellungsereignissen orientieren: Die von R.B. Kitaj initiierte Gruppenschau The Human Clay, mit der 1976 der Begriff der "London School" geprägt wurde, die Ausstellung Zeitgeist, die 1982 im Berliner Martin-Gropius-Bau die heftige Malerei zelebrierte, oder Sensation, in der die "YBA’s – Young British Artists" in der Londoner Royal Academy ihren internationalen Durchbruch erlangten.
So eröffnet Francis Bacon im 8. Stockwerk mit der Lithographie Study for a Portrait of Pope Innocent X (1989) den Blick auf die Geschichte britischer Nachkriegskunst. An der Außenseite des ihm gewidmeten Raumes hängt seine Stierkampf-Serie Miroir de la Tauromachie (1990) neben einem fotografischen Porträt des Künstlers, das von Bruce Bernard aufgenommen wurde. Läuft man den Korridor entlang, trifft man auf andere Künstler der "School of London", darunter Leon Kossoff, Frank Auerbach, R.B. Kitaj oder Lucian Freud. Der schonungslose Realismus von Freuds Radierung Woman with an Arm Tattoo (1996) verdeutlicht den von R.B. Kitaj Ende der 70er formulierten Standpunkt, dass das Studium der menschlichen Figur so aktuell wie eh und je sei, und regt dazu an, Anfänge dieser berühmten "älteren" Künstlergeneration Großbritanniens in einem neuen Licht zu betrachten.


Flur und Konferenzraum in der 8. Etage mit Arbeiten von Francis Bacon
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Flur mit Arbeiten von Gilian Ayres und Sigmar Polke
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Auf derselben Etage bilden sich Berührungspunkte mit der deutschen Nachkriegsgeneration. Neben Werken von Georg Baselitz, Markus Lüpertz und K.H. Hödicke, die in den späten 60er Jahren mit neo-expressiven Gesten die Rückkehr zur figurativen Malerei einläuteten und als Mentoren der "jungen Wilden" 1982 bei der Berliner Zeitgeist-Ausstellung vertreten waren, ist auch die Serie 6 piccadillies zu sehen, mit denen der Universalkünstler Dieter Roth 1970 Impressionen seines Aufenthalts im "Swinging London" festhielt. Wie auch Richard Hamilton, der mit Dieter Roth befreundet war und mit ihm künstlerisch zusammenarbeitete, ist der prominente britische Pop-Artist Peter Blake mit seinen Arbeiten auf der Etage präsent: Hamilton mit Drucken einiger seiner bekanntesten Werke wie She (1958), Aah! (1961), Just What Is It That Makes Today's Homes so Different, so Appealling?(1956), Peter Blake mit seiner 1991 entstandenen Alphabet-Serie, die die massenmedialen Ikonen des 20. Jahrhunderts Revue passieren lässt. "Pop" knallt es programmatisch aus der Pistole auf Eduardo Paolozzis Siebdruck I Was a Rich Man's Plaything (1972), das neben anderen seiner Arbeiten im ersten Stock des Winchester House gezeigt wird. Auch Paolozzis Zeitgenossen David Hockney, Joe Tilson oder Patrick Caulfield sind im Londoner Hauptsitz gleichfalls ganze Flure gewidmet.


Grafiken von Michael Craig-Martin im Händlerraum des Winchester House, Deutsche Bank, London
Sammlung Deutsche Bank
© Dennis Gilbert
"Landscape Artists" wie Andy Goldsworthy, Fotografen wie Susan Derges, Rut Blees Luxemburg, Catherine Yass, YBA’s wie Damien Hirst, Simon Patterson, Rachel Whiteread oder Gavin Turk: Für die Kuratoren der Londoner Sammlung steht eine möglichst breite und objektive Zusammenstellung britischer Gegenwartskunst im Vordergrund. Dazu gehört, dass sie sich gleichermaßen für die nachwachsenden Generationen einsetzen und auch weniger bekannte Künstler fördern. Während Gary Humes leuchtend bunte Siebdruckporträts und Johnnie Shand Kydds dokumentarische Schwarzweiß-Fotografien in den Trading Floors im 4. Stock den Aufstieg der YBA’s und der Kunst des "Cool Britannia" markieren, wurden Werke junger einheimischer Künstler wie Tim Stoner, Anya Gallaccio, Nigel Cooke oder Charles Avery gesammelt, bevor sie auf dem Kunstmarkt prominent wurden. Der Austausch mit der jungen britischen Kunstszene hat Zukunft. So möchte die Londoner Sammlung nicht nur aktuelle Entwicklungen dokumentieren, sondern auch Impulse für aufstrebende einheimische Talente geben. Einen vorläufigen Höhepunkt bildet hierbei das Engagement der Deutschen Bank, die als Hauptsponsor die Londoner Kunstmesse Frieze 2004 als größter Schau dieser Art in Großbritannien unterstützte.
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