Die Sammlung Deutsche Bank in Leipzig:
Mitten in der ostdeutschen Kunstmetropole



Junge Nachwuchsmaler drängen an die Leipziger "Hochschule für Grafik und Buchkunst", nicht nur weil sich Werke mit dem Stempel 'Neue Leipziger Schule' hervorragend rund um den Globus verkaufen lassen, sondern auch wegen des speziellen Klimas an der sächsischen Akademie. Seit den frühen 60ern galt die Hochschule als eine Institution mit engagierten Lehrern, handwerklichen Perfektionisten, die mit ihren Mal-Olympiern wie Bernhard Heisig oder Werner Tübke in der kulturellen Enge der DDR einen Schutzraum schafften, ein Biotop beinahe.



Grafiken von Gerhard Altenbourg in der Deutschen Bank, Leipzig
Sammlung Deutsche Bank
© Henning Bock


Auch Ende der 80er, während Video- und Konzeptkunst auf dem Vormarsch waren, wurden hier die wortgewaltigen Nachrufe auf die Malerei einfach ignoriert. Zugleich entwickelte sich in diesem Umfeld eine rege städtische Kunstszene, die in Galerien, Ateliers und Künstlergruppen ganz unterschiedlich in Erscheinung tritt. Das handwerkliche Können, der hohe künstlerische Anspruch, die bewusste Gesellschaftsanalyse, die der Begriff der "Leipziger Schule" stil- und generationsübergreifend verkörpert, ist auch im Haus am Martin Luther-Ring deutlich spürbar, wo die Sammlung der Deutschen Bank in Leipzig beheimatet ist.

Die Geschichte des Bankgebäudes reicht bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Bereits 1902 bezog die Deutsche Bank den von dem Architekten Arwed Rossbach (1844-1902) in Anlehnung an die Palastarchitektur der florentinischen und römischen Spätrenaissance entworfenen Bau. Die Innen- und Außenarchitektur sind von opulentem, ornamentalem Schmuck geprägt – vom Mosaikfußboden, der Jugendstil-Glaskuppel, den hölzernen Wandvertäfelungen bis zu detailreich verzierten Elementen in Stuck und Schmiedeeisen. Im Dialog zwischen Positionen ostdeutscher Nachkriegs- und aktueller Gegenwartskunst und der denkmalgeschützten Architektur entwickelt sich ein kontrastreiches Spannungsfeld, in dem sich Tradition und gesellschaftliche Umbrüche widerspiegeln.



Grafiken von Hartwig Ebersbach in der Deutschen Bank, Leipzig
Sammlung Deutsche Bank
© Henning Bock


1990 wurde das Gebäude von der Deutschen Bank aus dem Bestand der ehemaligen "Staatsbank" zurück erworben und bis 1995 durch einen Neubau ergänzt und umfangreich saniert. Insgesamt sind hier über 140 Arbeiten von mehr als 25 Künstlern ausgestellt.

Der Kunstrundgang beginnt im mit Säulen bestückten Vorraum im Erdgeschoss. Am Treppengang zu dem in seiner historischen Form weitgehend erhaltenen Tresorraum ist eine Gruppe von über zwanzig Kaltnadelradierungen und Farbholzschnitten von Gerhard Altenbourg (1926-1989) platziert. Während sich die Leipziger Sammlung vorwiegend auf Künstler konzentriert, deren Biografie mit Sachsen verbunden ist, stammt Altenbourg aus Thüringen. Aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt, begann er sein Studium an der Kunstakademie Weimar. Auf Reisen in den Westen studierte er die dort wieder gezeigten Modernen und bewunderte Wols, Jean Dubuffet, die Art Brut ebenso wie Joseph Beuys. Nach dem Bau der Mauer 1962 war Altenbourg weitgehend vom westlichen Kunstbetrieb abgeschnitten – ein Einzelgänger, im Westen gefeiert und von den Funktionären der DDR mit Argwohn und Repressalien verfolgt, weil er sich dem Diktat einer sozialistisch dienenden Kunst nicht beugen wollte. Seine feinnervigen, labyrinthisch verästelten Zeichnungen greifen die phantastische Imagination und die Spiritualität des Surrealismus auf und entrücken die menschliche Existenz in ein erträumtes Reich, das zugleich nah und fern ist. Gerade seine frühen Arbeiten, wie etwa Königsgrab (1951) sprechen von Trauer und beinahe ahnungsvoll vom Leiden in einer feindlichen Umwelt.



Carlfriedrich Claus
Ohne Titel, 1972
Tusche und Farbstift auf beidseitig bezeichnetem Transparentpapier
10,5 x 13,2 cm
K19920009
© VG Bild-Kunst, Bonn 2005


Mit Carlfriedrich Claus (1930-1998) ist ein weiterer Künstler in Leipzig zu sehen, der individuell und in völliger Zurückgezogenheit arbeitete. Im Gegensatz zu Altenbourg trug ihn allerdings der tiefe Glaube an die visionäre Kraft des Kommunismus. Claus verstand sich selbst nicht als bildender Künstler, sondern als Alchemist, Philosoph und Poet, der sich immer wieder zu "Sprachexerzitien" zurückzog, um in seinen Arbeiten mit den Faktoren Zeit, Klang und Prozess zu experimentieren. Die Sprache und die Idee, nicht die graphische Komposition stehen bei seinen Arbeiten am Anfang. Seine "Sprachblätter" sind voller transzendenter, symbolischer Anspielungen und als Anregungen für neue gedankliche und emotionale Experimente gedacht.

Die umlaufende Galerie, die die offene Kundenhalle im ersten Obergeschoss säumt, ist den Werkgruppen dreier Künstler aus Leipzig gewidmet, die sämtlich bei Bernhard Heisig studiert haben und ganz unterschiedliche Ausprägungen der "Leipziger Schule" repräsentieren: Inspiriert durch den späten Lovis Corinth, Asger Jorn und die Gruppe COBRA schuf der 1941 nahe Zwickau geborene Hartwig Ebersbach aufgewühlte, spontane Bilder von zunehmender Abstraktion. Er wolle unbedingt ein "schlechter" Maler werden, äußerte er angesichts der figurativ orientierten, positiv gestimmten sozialistischen Auftragskunst der DDR. Dieser Verweigerung steht die affirmative Taktik Neo Rauchs gegenüber. Als prominentester Vertreter einer neuen darstellenden Malerei thematisiert er die Bezüge östlicher und westlicher Kultur im wiedervereinten Europa. Mit Virtuosität vollbringt er es in den im linken Flügel der Galerie untergebrachten Arbeiten wie Weiche (1999), die modernen Mythen des Warschauer Paktes und der westlichen Welt in surrealen Traumszenen zu verschmelzen. Die Ästhetik amerikanischer Comics und der sozialistische Realismus des Ostens begegnen einem Konglomerat aufgeladener Zeichen des deutschen Wiederaufbaus nach 1945.



Rosa Loy
Feldrittersporn, 1999
Tinte auf Papier
94 x 63 cm
K20000611
© VG Bild-Kunst, Bonn 2005


Die Magie, die Rauchs figurativen Bildern innewohnt, ist in unterschiedlicher Ausprägung auch in den Arbeiten seiner Ehefrau Rosa Loy spürbar. "Malerei ist das Erkunden der Stationen an denen der Zug hält, ebenso wie Erkunden des Ortes, der Zeit", sagt Loy. Bei ihr kreist die ambivalente Untersuchung von "Heimat" und Zugehörigkeit zugleich um ein anderes Thema: "das Feminine in seinen vielseitigen Schattierungen und Verstrickungen".



Uwe Kowski
Ohne Titel, 1992
Gouache, Pigment und Beize auf Papier
50 x 66,5 cm
K19923034
© VG Bild-Kunst, Bonn 2005. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin


In unmittelbarer Nähe zu Neo Rauchs Arbeiten hängt Uwe Kowskis Weltbild (1993) zusammen mit weiteren seiner großformatigen Zeichnungen. In der Komposition aus miteinander verflochtenen Körperteilen, Linien und Formen manifestieren sich Gedanken, Ideen, Entwürfe für mögliche reale und utopische Existenzen. Die Balance zwischen Abstraktion und vage aufscheinender Gegenständlichkeit durchzieht Kowskis Werk. Das gilt auch für seine Gouachen. Aus verfließenden Farbströmen bilden sich einfache menschliche Umrisse, die in ihrer bunten Leuchtkraft zugleich an die Begeisterung der europäischen Moderne für Volkskunst und "primitive" Kulturen denken lassen.

Im zweiten Obergeschoss bilden die von einem ovalen Zentrum ausgehenden Besprechungsräume eine ideale architektonische Situation für fünf hochformatige Arbeiten von Jörg Herold aus der Serie In L. trägt H. die Wunden Hausers zur Schau (1990). Für Herold ist seine künstlerische Arbeit "eine Waschung im Sinne eines archäologischen Prinzips". Ähnlich wie bei Kowski geht es in seinen Werken um die formale Aufarbeitung von malerischer Tradition mit der Wahrnehmung von Geschichte: Das Motiv des "sprachlosen" Kaspar Hauser verweist wie auch Herolds Serie Piktografisches Alphabet (1996) auf die künstlerische Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Gegenrede, die Findung einer eigenen Sprache. Als Teilnehmer der documenta X im Jahre 1997 gehört Herold zu einer Gruppe von ehemaligen Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, die Ende der 80er Jahre versuchten, sich jeglichem Staatspathos zu entziehen und in der subversiven Kunstszene eigene, nicht bevormundete Wege zu gehen.



Olaf Nicolai
Ohne Titel, aus der Serie: Morphologische Studien, 1991
Überarbeiteter Siebdruck auf Papier
K19921088
© VG Bild-Kunst, Bonn 2005. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin


Mit Carsten und Olaf Nicolai finden sich im 2. Obergeschoss zwei prominente Leipziger Künstler der jüngeren Generation. In der Kunst der DDR war es in den 80er Jahren der Wunsch nach Andersartigkeit, mit dem in der Kunst nach expressiven Ausdrucksformen gesucht wurde, um so etwas wie Individualität zu formulieren. Wie sein Bruder Carsten zählt der 1962 geborene Olaf Nicolai heute zu den wichtigsten Vertretern einer Künstlergeneration, die gezielt die Schnittstellen zwischen Kunst, Natur, Kultur und Wissenschaft untersucht. Nicht ohne Sinn für Humor hat Nicolai später festgestellt, dass "allerdings die Ähnlichkeit zunahm, je individueller der Ausdruck wurde". Deshalb hat er in seiner Arbeitsweise den entgegen gesetzten Weg eingeschlagen. Seit Ende der 90er Jahre forscht er danach, wie sich die ständig wachsende Vielfalt der Produkte auf die Wahrnehmung von Umwelt auswirkt. Sein Leuchtkasten Nach der Natur, der 1997 erstmals auf der documenta X gezeigt wurde, stellt Künstlichkeit in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Inmitten wirtschaftlicher Betriebsamkeit erscheint die Miniflora als fotografische Fiktion und scheinbare Versicherung der Natur per Simulation.



Grafiken von Gerhard Altenbourg in der Deutschen Bank, Leipzig
Sammlung Deutsche Bank
© Henning Bock


Im Gegensatz zur "expressiv-leidenschaftlichen" Ausprägung der Leipziger Schule, verkörpern die Nicolais eine eher formstrenge, nüchtern-sachliche Haltung. Diese zuweilen leicht unterkühlte Wirklichkeitsauffassung verbindet sich bei jungen "Leipziger" Malern wie Tilo Baumgärtel, Tim Eitel oder Martin Eder allerdings wieder mit phantastischen und romantischen Elementen. Der Begriff "Leipziger Schule" hat sich durchgesetzt, obwohl er eigentlich sehr unterschiedliche Strömungen repräsentiert. Dass die rege Kunstszene in Leipzig hierbei durchaus internationale Maßstäbe setzt, zeigt auch die hiesige Sammlung der Deutschen Bank. Der Galerist von Eigen + Art, Gerd Harry Lybke, der entscheidend zum Erfolg der jungen Leipziger Künstler beigetragen hat, drückt das Phänomen Leipzig so aus: "Das Nationalgericht von Leipzig ist nicht umsonst das Leipziger Allerlei. Das heißt, jeder hat Gemüse mitgebracht von überallher, hat es gekocht, gebraten, gedünstet. Hat es dann in den großen Topf von Leipzig geschüttet, der nur mit Wasser und mit Leipziger Flusskrebsen gefüllt war. Das haben die Leipziger zu ihrem Lieblingsessen gemacht! Ein Gericht mit Zutaten aus den verschiedenen Ländern mit ihren Flusskrebsen. Ein internationaler Mix."


» zurück zur Übersichtsseite