Die Sammlung Deutsche Bank in Frankfurt:
Kunst im ibc - freundliche Botschaften





Andreas Schulze, PBC, 2004
Sammlung Deutsche Bank
Foto © Bärbel Högner


Wer abends auf der viel befahrenen Theodor-Heuss-Allee Richtung Frankfurter Innenstadt unterwegs ist, hat Gelegenheit, einen Blick auf das ibc zu werfen. Aus dem hell erleuchteten Betriebsrestaurant in der zweiten Etage strahlt in sattem Blau ein dreiteiliges Wandgemälde von Andreas Schulze. Die Arbeitswelt der Bank scheint sich darauf in ein surreales Stillleben zu verwandeln. Aus Ziegelsteinen, Spiralen und Kugeln formen sich Buchstaben: PBC, in Anlehnung an den im Frühjahr 2004 bezogenen Hauptsitz von Private & Business Clients der Deutschen Bank in Frankfurt. Die offensiv fröhliche Bildlandschaft nimmt die Länge einer gesamten Wand ein. Vor einem strahlend blauen Leinwandhimmel baumelt ein gigantischer Monitor im Retro-Design, ein organisch gerundeter Tisch dominiert die Fläche, Gras sprießt aus dem Büroboden, die Rundungen einer stilisierten Topfblume schimmern in knallbunten Farben. Die fremdartig vertraute Welt, die Andreas Schulze in seiner Gemäldeserie erschafft, lebt durch die Reduktion auf archaische und geometrische Formen. Zugleich sind die Gegenstände auf seinen Bildern liebevoll und bedächtig angeordnet, sinnenfreudig bis ins Detail ausgearbeitet – ganz so, als würde man eine Wohnung einrichten, um dort für sich und seine Gäste einen persönlichen und angenehmen Ort zu schaffen.



ibc, Blick in die Eingangshalle
Foto © Bärbel Högner


Wie viele andere in den letzten Jahren errichtete Bürogebäude ist das ibc von Flexibilität und Transparenz bestimmt. Auf rund 30.000 Quadratmetern Bürofläche arbeiten hier über tausend Menschen in einem Ambiente aus Glas, Stahl, Naturstein und Beton. Zugleich findet sich an der Theodor-Heuss-Allee eine außergewöhnliche Kunstausstattung, die international wegweisend ist. Der Wegfall des „klassischen“ Büros zugunsten von Großraumbüros und mobilen Arbeitsstationen, die das Teamwork an verschiedenen Stellen im Haus ermöglichen, hat auch die Kunst in der Bank vor neue Herausforderungen gestellt. Schulzes Gemäldeserie ist eines von insgesamt sieben Auftragswerken, die eigens für die Kunstausstattung des nach Plänen des Frankfurter Architekten Dieter Köhler erbauten ibc-Komplexes geschaffen wurden. Im Herbst 2003 beauftragte der Vorstand von Private & Business Clients, Friedhelm Hütte und Claudia Schicktanz, Corporate Cultural Affairs Kunst, mit der Ausarbeitung eines Kunstkonzeptes für das noch im Bau befindliche Gebäude. Schon damals zeichnete sich ab, dass die Ausstattung mit Kunst aufgrund des architektonischen Konzepts über die klassische Platzierung von Bildern hinausgehen konnte. So rückten baulich prägnante Orte im Haus in den Vordergrund der Planung: Atrium, Casino, Großraumbüro, Treppenaufgänge und Aufzugsbereiche. Hier sollten sich die Werke im Besonderen mit den Licht- und Raumverhältnissen sowie den spezifischen Arbeitsbedingungen im ibc auseinandersetzen.



Karin Sander, Wandstück zweiteilig je 430 x 430 cm, 2004
Sammlung Deutsche Bank
Foto © Bärbel Högner


Dementsprechend begegnen den Mitarbeitern heute gleich beim Betreten des Gebäudes zwei Werke, die den Eingang flankieren und sich direkt auf die offene, von der großen Glasfront geprägten Haupthalle beziehen: Karin Sanders weiße Wandstücke und die Gemälde von Günther Förg. Beide Arbeiten thematisieren auf unterschiedliche Weise das Wechselspiel zwischen Innen- und Außenraum und verstehen sich als Fenster, die im direkten wie im übertragenen Sinn die Architektur und die Ereignisse darin widerspiegeln. Auf Karin Sanders großflächig, polierten Wandflächen, die auf äußerste Reduktion setzen und für Transzendenz stehen, reflektiert sich das tägliche Geschehen tatsächlich wie auf einer Wasseroberfläche. Der Betrachter wird in vielerlei Hinsicht auf sich selbst zurückgeworfen, das zeigen auch die Publikumsreaktionen.
Auf einer formalen Ebene verstehen sich Günther Förgs Fensterbilder hingegen als symbolische Öffnungen, die mit den Mitteln der Malerei geschaffen werden: „Kunst ist immer etwas, was sich öffnet. Insofern hat das Fenstermotiv natürlich eine symbolische Bedeutung. Es zielt auf die Bereitschaft des Betrachters, der vorbeigeht oder stehen bleibt und in irgendeiner Form die Bilder wahrnimmt.“



Günther Förg, Ohne Titel, 2004
Sammlung Deutsche Bank
Foto © Bärbel Högner


Das licht durchflutete Atrium in der Haupthalle, das sich bis zur siebten Etage hin öffnet, besticht in seiner räumlichen Schlichtheit und der Kombination aus Beton, Stahl, Glas und dem Muschelkalk des Bodens – warmes Rot akzentuiert die Treppenaufgänge. Hier schwebt hoch über dem Empfangs-Counter und zwischen den offenen Brücken, die im dritten und fünften Stockwerk den Nord- und Südteil der Halle miteinander verbinden, Olaf Metzels gigantische, in Gelb, Orange, Violett, Blau und Grün flimmernde Skulptur Cashflow. Als Inspiration für die Arbeit dienten Metzel die Bézier-Kurven, die häufig als Bildschirmschoner von Computern zu sehen sind und deren Gitterstruktur der Künstler ins Dreidimensionale übertrug. Die Kurvenstruktur erscheint nur, wenn nicht am Computer gearbeitet wird, oder der Mensch nicht am Arbeitsplatz ist. Im ibc hinterfragt Metzel die Forderung nach permanenter Effizienz und die Bedingungen von vernetzter Arbeit und setzt sich zugleich formal mit dem vorgegebenen Raum auseinander: „Ich habe mich an der quadratischen Struktur des Gebäudes, insbesondere der Glasdecke orientiert. Dieses Motiv habe ich aufgenommen und versucht, es in meiner Arbeit thematisch mit dem flexiblen Arbeitsplatz im „Smart Office“ zu verbinden. Auch dort muss mal Pause gemacht und abgeschaltet werden. Ob man nun ganz traditionell unterwegs zum Arbeitsplatz ist oder mit dem „Smart Office“ ständig umzieht, mich interessieren die Übergänge und Zwischenräume.“



Olaf Metzel, Cashflow, 2005
Sammlung Deutsche Bank
Foto © Bärbel Högner


Einen „Übergangsraum“ hat sich auch der Kölner Künstler Hubert Kiecol für seine Schriftbilder ausgesucht. Gerade in der belebten Kantine, die täglich von Tausenden von Menschen besucht wird fordert seine Serie Glückliche Maße zum Innehalten auf. Die Idee, seine Werke im großräumigen Casino unterzubringen, überzeugte durch die Art der Hängung knapp unter der Decke und die lichte Schwerelosigkeit der sechzehn Unikatdrucke. Kiecol, der eigentlich als Bildhauer bekannt wurde, lässt auf diesen Bildern seine hausförmigen Betonskulpturen nur noch als schemenhafte Umrisse auftauchen. Vor malerisch anmutenden Motiven wie Wolkenhimmeln oder fast monochromen Hintergründen lässt der Künstler lapidare Texte wie „Sachlich richtig“ erscheinen, die sich aufgrund einer ungewöhnlichen Typographie nur langsam, Buchstabe für Buchstabe erschließen. In Ermangelung einer eindeutigen Botschaft gerät man bei einer Arbeit wie Initials BB ins Grübeln. Das Lied von Serge Gainsbourg aus dem Jahr 1968 lässt während der Mittagspause an Brigitte Bardot denken.



Hubert Kiecol, Glückliche Maße, 2004
Sammlung Deutsche Bank
Foto © Bärbel Högner


Einen ganz unmittelbaren Bezug auf die Menschen im Haus nimmt hingegen Heiner Blums Arbeit Wir und Wo. In der Eingangshalle begrüßt sie den Besucher freundlich mit den Worten „You are here. Have a nice day“. Blum entwickelte hierfür ein digitales Leitsystem aus mehreren im Gebäude verteilten Displays, auf denen durch Bewegungsmelder gesteuert die gepixelten Porträts der Mitarbeiter im ibc mit Hinweistexten zur Orientierung im Gebäude abwechseln. Blums Porträts der Menschen auf den Displays reduzieren und abstrahieren das Individuelle der Gesichter auf ein Minimum. Obgleich den Visualisierungen in Wir und Wo dabei etwas Einheitliches anhaftet, geht es Blum dabei um eine verbindende Ähnlichkeit: „Man sieht eine konkrete und zugleich abstrakte Person und hat das Gefühl diese Person bereits zu kennen … Das Projekt ist nicht so gemeint, dass der Mensch austauschbar ist oder anonym. Es ging mir vielmehr darum, die Leute, die in dem Gebäude arbeiten, in das Orientierungssystem zu integrieren. Also das Signal zu geben, hier geht es auch um die Kommunikation zwischen Menschen.“



Heiner Blum, Wir und Wo, 2004
Sammlung Deutsche Bank
Foto © Bärbel Högner


Im Gegensatz dazu verströmt Ina Webers Installation Welcome to the Club einen Hauch von exklusiver Atmosphäre. Mitten im Großraumbüro verbirgt sich hinter den getönten Scheiben einer erhöht in den Raum gebauten Glasbox die modifizierte Version eines klassischen englischen Membership-Clubs. Während der Sockel an der Außenseite mit einfachem Wellblech ummantelt wurde, ist das Innere des Raums mit edlem amerikanischem Walnussholz verkleidet. Ausgestattet ist der Club mit schweren Ledersesseln, einem künstlichen Kamin, einer kleinen Bibliothek, Leselampen und Antiquitäten. An Stelle einer repräsentativ durchgestylten Umgebung oder Corporate Identity tritt bei Weber das Spiel mit ungewöhnlichen Details, die „aus dem Rahmen fallen“. Dazu gehören die handgenähten Kissen, die mit Ameisen verzierten Kaminkacheln oder die Auswahl der Bücher, die die Berliner Künstlerin bei Streifzügen durch Antiquariate und nach Empfehlungen von Freunden zusammenstellte. Im Club tragen sämtliche Bände von der Hessischen Küche über Maupassant bis zur Autobiografie von Beate Uhse den eigens von Weber entworfen Exlibris Stempel.



Ina Weber, Welcome to the Club, 2004
Sammlung Deutsche Bank
Foto © Bärbel Högner


Für die Künstlerin dient der vermeintliche „Herrenclub“ als Modell, um „diesen merkwürdigen Bereich zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre“ zu untersuchen. Bei Weber stolpert man geradezu über Phänomene, die die Absonderlichkeiten in der Gestaltung öffentlicher und privater Räume ironisch kommentieren. So gibt es im transparenten Großraumbüro kaum Rückzugsmöglichkeiten: alles ist offen, alles zieht an einem vorbei, jeder sieht jeden. Diese Situation hat Weber für ihre Arbeit positiv genutzt. Denn im Gegensatz zum traditionellen Club ist hier jeder„welcome“ und jeder, der den Club betritt, ist augenblicklich Mitglied. Mit unterschwelligem Witz zeigt Welcome to the Club wie schwierig es ist, sich in einer von Mobilität bestimmten Gesellschaft zu verorten und seine eigenen, authentischen Erfahrungen zu machen. Und genau das bietet die Kunstausstattung im ibc: Die Möglichkeit das Arbeitsumfeld in ungewohnten und neuen Perspektiven zu erleben – und sich in der Kunst für einen Moment selbst wieder zu finden.



Ina Weber, Exlibris – Stempel „Welcome to the Club“
Sammlung Deutsche Bank
Foto © Bärbel Högner



Zur Ausstattung ist ein Katalog mit Abbildungen aller Kunstwerke erschienen.


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