Die Sammlung Deutsche Bank in Frankfurt:
Lebendige Kunst- und Unternehmensgeschichte


Granit-Skulptur Kontinuität von Max Bill vor der Zentrale der Deutschen Bank Frankfurt am Main
In den frühen Morgenstunden des 7. September 1986 rollte ein Tieflader vom Frankfurter Osthafen vor den Zwillingstürmen der Deutschen Bank an, um sich dort bei anbrechendem Tageslicht mit Hilfe eines überdimensionalen Krans seiner 80 bis 90 Tonnen schweren Last zu entledigen. Nach über dreieinhalb Jahren Vorbereitungszeit wurde die Granitskulptur Kontinuität des Schweizer Künstlers Max Bill (1908-1994) vor dem Haupteingang des Gebäudes installiert. Längst hat sich die als Doppelhelix gedrehte Skulptur als Sinnbild des Kunstengagements der Deutschen Bank etabliert und gehört zu den Wahrzeichen des Unternehmens. Bis heute symbolisiert diese dynamische Form den Grundgedanken des Sammlungskonzepts: zeitgenössische Kunst in der Bank zu erleben, künstlerische Visionen und Ideen aufzunehmen und zu fördern.


Skulptur von Richard Lippold in der Lobby in der Zentrale der Deutschen Bank Frankfurt am Main
Als eines der ersten Unternehmen verband die Deutsche Bank Ende der 70er Jahre zeitgenössische Kunst und Arbeitswelt. Bis heute ist die Sammlung, deren Werke sich in Fluren, Schalterhallen oder Büros finden, auf rund 50.000 Kunstwerke an 911 Standorten in 43 Ländern angewachsen. Seitdem 1986 die neue Kunstausstattung des Frankfurter Hauptsitzes der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, gelten die Zwillingstürme als Inbegriff der „Kunst am Arbeitsplatz“, als Dreh- und Angelpunkt der weltweit größten Unternehmenssammlung und der globalen Kunstaktivitäten der Bank.
Die Geschäftigkeit in den Zwillingstürmen wird bereits beim Betreten der mit hellem Stein verkleideten Eingangshalle im Erdgeschoss spürbar, in der auch Hans Arps Bronzeplastik Ptolemäus III (1961) platziert ist. Dominiert wird die Lobby durch eine gigantische, an der Decke schwebende Stahlskulptur Richard Lippolds, deren klare Formen den Blick hinauf in die Galerien der beiden Grundgeschosse und zur Verbindungsbrücke zwischen den beiden Türmen lenken. Wie ein organisch wuchernder Fleck durchbricht Sigmar Polkes alchemistisches Rasterbild Ohne Titel (1984) im oberen Foyer diese Symmetrie, verändert seine Farbfacetten je nach Lichteinfall.


Bernd und Hilla Becher
Fachwerkhäuser, 1959-1961/1974
K19850192
© Bernd und Hilla Becher, Düsseldorf
Im zweiten Stock, in dem auch die Sitzungssäle untergebracht sind, beginnen die jährlich über 250 öffentlichen Führungen durch die Sammlung mit der Fotografie der Gegenwart. Hier wird deutlich, dass sich die Sammlung seit ihren Anfängen beständig neuen Einflüssen geöffnet hat. Kühle Architekturaufnahmen wie etwa Ernst und Hilla Bechers Fachwerkhäuser (1959-1961/1974) oder Candida Höfers hermetisch versiegelter Tresorraum Bank Oldenburg I (1998) verdeutlichen den analytischen Ansatz der Düsseldorfer Schule und werden hier anderen jungen Fotokünstlern gegenüber gestellt. Julian Rosefelds wimmelndes Oktoberfest (1996/1999) lässt in seiner Detailschärfe an die ebenfalls in der Sammlung vertretenen Arbeiten Andreas Gurskys denken, während Erwin Wurms Installation Shot Taipei Biennale (2000) den konzeptionellen Ansatz der Fotografie hervorhebt. Itaya Yuka wears Comme des Garcons #342 heißt die 2002 entstandene Arbeit von Izima Kaoru, die ebenso wie die Anfang 2004 im Deutsche Guggenheim gezeigte Miwa Yanagi auf ihren Fotos Konsum, Modefetische und Teenage-Kultur inszeniert.
Die Fotoinszenierungen der beiden jungen Japanerinnen entsprechen ganz dem Zeitgeist, doch wie so viele jüngere Arbeiten in der Sammlung sind sie bereits dabei, sich zu Klassikern zu entwickeln. Schon bei der Konzeption der Frankfurter Sammlung spielte deutsche Gegenwartsfotografie der Düsseldorfer Schule eine wichtige Rolle – lange bevor Fotografen wie Thomas Ruff, Thomas Struth oder Thomas Demand Höchstpreise erzielten. Die Öffnung zu Neuem, die einst mit dem Durchbruch des Kunstkonzeptes einherging, wird auch durch die Malerei im zweiten Geschoss vor dem Casinobereich deutlich. Hier finden sich Siegmar Polkes Drehung (1979), Arbeiten von Georg Baselitz, Markus Lüpertz und Jörg Immendorf. Im darüberliegenden Geschoss sind als Fortführung die Werke der „jungen wilden Maler“ repräsentiert, wie Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Bernd Zimmer und Elvira Bach, die in den Achtzigern mit neoexpressiven Gesten und ungestümer Farbigkeit für Aufregung sorgten.


Fotografien von Nathalie Grenzhäuser und Erwin Wurm, 2. Etage der Zentrale der Deutschen Bank, Frankfurt am Main
Dieser neo-expressiven und „heftigen“ Malerei, die derzeit eine Renaissance erlebt, werden im dritten Geschoss Arbeiten jüngerer Generationen zur Seite gestellt, die den Ost-West Dialog im wiedervereinten Deutschland beschreiben. Neben den Ausnahmepositionen, die Gerhard Altenbourgs abstrakt-surreale Aquarelle und Hermann Glöckners Arbeiten in der DDR der fünfziger Jahre bezeichneten, scheint Cornelia Schleimes übermalte Fotoserie Kenia (1992) eine ganz reale Sehnsucht nach Exotischem zu thematisieren – durchsetzt mit der ironisch bitteren Kritik an einer zunehmend globalisierten Kultur. Auch Neo Rauch, prominenter Protagonist der Neuen Leipziger Schule zeigt mit Weiche (1999) eine eher desillusionierte Haltung: Bei ihm vereint sich die Ästhetik amerikanischer Comic-Kultur mit der Ikonografie deutschen Wiederaufbaus und sozialistischem Realismus.


Neo Rauch
Weiche, 1999
Öl auf Papier
215 x 190 cm
K19990624
© VG Bild-Kunst, Bonn 2005. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin
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In den letzten Jahren erfuhr die Ausstattung der Zwillingstürme einen Zuwachs junger und internationaler Kunst. Dass in den „halböffentlichen“ Grundgeschossen der Zwillingstürme besonders diesen Arbeiten eine zentrale Rolle eingeräumt wird, entspricht auch dem Gründungsgedanken der Sammlung, gesellschaftliche Entwicklungen und Zukunftsperspektiven durch aktuelle Gegenwartskunst widerzuspiegeln. Während unter der Ägide des ehemaligen Vorstandsmitgliedes Herbert Zapp (1928-2004) bereits die Filialen in New York, Genf, Kyoto, Singapur, St. Petersburg und Moskau mit aktueller deutscher und internationaler Kunst ausgestattet wurden, bedeutete die Präsentation im Frankfurter Hauptsitz einen weiteren Meilenstein für die Geschichte der Sammlung.
Zapps Vorstoß, Kunst als Ideen und Identität stiftende „alternative Währung“ in das alltägliche Arbeitsumfeld des Unternehmens einzuführen, war Mitte der Achtziger noch geradezu revolutionär. Gemeinsam mit seinen damaligen Beratern Prof. Dr. Klaus Gallwitz (Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt) und Prof. Dr. Peter Beye (Staatsgalerie Stuttgart), dem Galeristen Wolfgang Wittrock und den heutigen Direktoren der Deutsche Bank Art, Dr. Ariane Grigoteit und Friedhelm Hütte, entwickelte Zapp für die ehemals als Hotelkomplex geplanten Hochhäuser ein wegweisendes Konzept: Wer in Frankfurt die Etagen herabsteigt, erlebt ein Panorama deutscher Kunst der 60er, 70er und 80er Jahre, das sich zu den unteren Geschossen hin verjüngt und um aktuelle und internationale Strömungen erweitert. Auf den Schalttafeln der Lifte finden sich neben den Knöpfen mit den Etagenziffern nicht wie üblich die verschiedenen Abteilungen, sondern die Namen der nach den Geburtsjahren angeordneten Künstler, denen das jeweilige Stockwerk gewidmet ist. Per Knopfdruck wählt man seine Etage und „drückt“ hierbei Stationen zu einer Reise durch die jüngere Kunstgeschichte. An den beiden „Turmspitzen“ finden sich mit Joseph Beuys und Horst Antes die ältesten Künstler. Symbolisch repräsentieren sie in den jeweiligen Türmen die Akademien in Düsseldorf und Karlsruhe, die das deutsche Kunstgeschehen seit den 60er Jahren prägen.
Nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für die Künstler war die Präsentation junger Kunst am Arbeitsplatz der Bank besonders in den ersten Jahren der Frankfurter Sammlung manchmal eine kontroverse Angelegenheit. Kunst verändert die Unternehmenskultur und inspiriert die Kommunikation – sie kann aber auch provokativ und sperrig sein. Deshalb stand die interne und öffentliche Vermittlung im Mittelpunkt. Um Berührungsängste abzubauen, wurden z.B. Künstlergespräche ins Leben gerufen, bei denen die Mitarbeiter die Künstler und deren Werke in den Stockwerken in einer persönlichen Unterhaltung kennenlernten.


Skulptur von Alfred Lörcher und Gemälde von Oskar Kokoschka im Vorstandsbereich der Zentrale der Deutschen Bank, Frankfurt am Main.
Diese inhaltliche Auseinandersetzung ist von den Kuratoren erwünscht: Die Sammlung in den Zwillingstürmen bildet keine geradlinige didaktische Schilderung deutscher Nachkriegskunst, sondern reflektiert in Einzelpositionen die jüngere deutsche Kulturgeschichte mit all ihren Brüchen, Parallelen und Widersprüchen. Ausgehend von den Impulsen der Klassischen Moderne, die mit Werken von Paula Modersohn-Becker, Wassily Kandinsky oder Emil Nolde präsent ist, bilden Arbeiten der Nachkriegsgenerationen entscheidende Schwerpunkte. Georg Baselitz’ auf den Kopf gestellte Helden oder Markus Lüpertz’ neo-expressive Landschaftsbilder verdeutlichen die kritische Rückbesinnung auf die Moderne. In der Gerhard Richter gewidmeten 28. Etage findet sich eine Vielzahl von Zeichnungen, Druckgrafiken und Aquarellen, die das Spektrum dokumentieren, das Richters Werk seit den Anfängen des von ihm und Sigmar Polke in den 60ern gegründeten "Kapitalistischen Realismus" dokumentieren.
Während Jörg Immendorff seine kritische Historienmalerei in den Dienst der politischen Agitation und der Aufarbeitung unbewältigter deutscher Vergangenheit stellte, bezogen sich Imi Knöbel und Blinky Palermo in ihren minimalistisch reduzierten Arbeiten auf Kasimir Malewitsch und den Aufbruch der russischen Avantgarde. Zugleich bietet die Sammlung lokale Bezüge: So sind neben der Frankfurter „Quadriga“-Gruppe um Heinz Kreutz und Bernard Schultze, die mit ihrer tachistischen Malerei die deutsche Nachkriegsabstraktion geprägt hat, auch Künstlern wie Thomas Bayrle und Manfred Stumpf einzelne Etagen gewidmet. Seit den siebziger Jahren hat sich Thomas Bayrle als Professor der Frankfurter Städel-Schule mit Fragen der Massenproduktion und der Massenmobilität beschäftigt. Seine Grafiken zeigen, wie er ausgehend von traditionellen Techniken zu computergenerierten Graphiken und Animationen gelangte. „Du sollst nicht lügen“ – dieses christliche Gebot prangt wie eine Schablone auf Ohne Titel, Manfred Stumpfs 1984 entstandener Zeichnung, die ein Crashtest-Dummie in einer Autokarosserie zeigt. Als Bayrles ehemaliger Student gibt Manfred Stumpf in seinem Werk christlichen und sakralen Motiven in Verbindung mit gesellschaftlichen und technologischen Themen einen aktuellen Bezug.
Schon vor der deutschen Wiedervereinigung zeichnete sich ab, dass der aktuelle Blick auf die Kunst von neuen Technologien und einer globalen Vernetzung gekennzeichnet ist, die nationale Begrenzungen zunehmend hinfällig macht. Während einst die Konzentration auf Werke aus dem deutschsprachigen Raum im Vordergrund der Sammlung stand, rückte in den 80ern das internationale Kunstgeschehen in den Mittelpunkt des Interesses. Nach wie vor lag der Fokus hierbei auf zeitgenössischen Arbeiten auf Papier. Das Medium Papier ist auch die Verbindung zur Bank – das Material des Geldes und wichtiges Utensil in Büros. Zugleich hat angesichts digitaler Kommunikation und virtuellen Datentransfers das „klassische“ Büro in heutiger Zeit ausgedient. Gerade weil die Arbeitsplätze mobil werden, die Fluktuation von Mitarbeitern zunimmt, und sich die räumliche Situation in den Gebäuden ständig verändert, muss die Kunst im Unternehmen Kontinuität und Nachhaltigkeit vermitteln. Die Bank hat sich zu einem globalen Unternehmen entwickelt, das unter seinem Dach eine diverse Vielfalt kultureller Identitäten vereint. Während der letzten Dekade hat sich unter der Leitung von Dr. Ariane Grigoteit und Friedhelm Hütte dementsprechend auch das Konzept der „Kunst am Arbeitsplatz“ erweitert. Nach prominenten deutschen Galeristen wie Wolfgang Wittrock und Fred Jahn, die über Jahre bei den Ankäufen beratend tätig waren, werden die Direktoren der Sammlung heute von internationalen Kunstexperten wie Bärbel Grässlin, Sadie Coles und Yoshiko Isshiki beraten.


Fotografie von Ottmar Hörl, 2. Etage der Zentrale der Deutschen Bank Frankfurt am Main.
Im Zentrum der kuratorischen Arbeit stehen hierbei die Zugänglichkeit und öffentliche Präsenz der Kunst der Bank, die auch außerhalb des Unternehmens zum Dialog auffordert. Museen rund um den Globus zeigten mit thematischen Ausstellungen wie Landschaften eines Jahrhunderts (1999), Die Rückkehr der Giganten (2002) oder Man in the Middle (2002) unterschiedliche Aspekte der Sammlung. Konsequenter Weise wurde auch eine eigene museale Plattform ins Leben gerufen: 1997 eröffnete die Deutsche Bank in Zusammenarbeit mit dem Guggenheim Museum in New York im Berliner Hauptgebäude der Bank das Deutsche Guggenheim. Ziel dieses Joint-Ventures war die Präsentation hochkarätiger Ausstellungen und auf den Raum bezogene Auftragswerke von Künstlern wie Jeff Koons, Rachel Whiteread, Gerhard Richter und Bill Viola. Darüber hinaus bot die Reihe Moment seit 2001 die Möglichkeit, temporäre Kunstprojekte auch außerhalb des Arbeitsplatzes im öffentlichen Raum zu initiieren.
Das 25-jährige Bestehen der Sammlung gibt gleichermaßen Anlass zum Rückblick und für zukünftige Perspektiven. Für die Schau, mit der die Sammlung Deutsche Bank im Frühjahr 2005 im Deutsche Guggenheim das Jubiläum feiert, werden Kunstwerke aus Niederlassungen in der ganzen Welt zusammengebracht und im Rahmen des eigens aus diesem Anlass entwickelten Austellungsdesigns von Zaha Hadid präsentiert. Auch aus den Frankfurter Zwillingstürmern sind zahlreiche Werke vertreten, die in veränderter Umgebung und Hängung neue Facetten der Unternehmenskunst aufzeigen – als Bestandteil einer globalen Sammlung und Stück lebendiger Kunst- und Unternehmensgeschichte.
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