Im Zwischenstadium: Die Kuratorin Susan Davidson über
die Jackson Pollock Ausstellung "No Limits, Just Edges"

Portrait des Künstlers, 1951 Photo: Arnold Newman
©Arnold Newman/ Liaison Agency/ Getty Images
Als er einmal gefragt wurde, was er denn retten würde, wenn sein Haus in Brand
geriete, antwortete
Jackson Pollock: "Das Feuer". Pollocks Werke in der Ausstellung
No Limits, Just Edges, die am 30. Januar im
Deutsche Guggenheim in Berlin eröffnet und anschließend in der
Sammlung Peggy Guggenheim gezeigt werden, verdeutlichen den Erfolg dessen,
was er "ein Zwischenstadium" nannte. Als Pollock 1947 das Stipendium des
Guggenheim Fellowship erhielt, plante er Gemälde zu erschaffen, die "ein
Zwischenstadium bezeichnen würden, einen Versuch die Richtung der Zukunft
aufzuzeigen, ohne jedoch dort vollständig anzugelangen".
Auf unsicheren Beinen, aber dennoch zielstrebig, bewegte sich Pollocks
Arbeit in der Schwebe zwischen Zeichnung und Malerei. In beidem
entwickelte er eine ganz eigene Geschwindigkeit und Tiefe, die häufig als
"Chaos" missdeutet wurden. Doch Pollock wusste genau, wonach er strebte.
Seine Frau
Lee Krasner betrachtete seine Arbeit "als eine neuartige Kunstgattung".
Wenngleich seine Zeichnungen immer wieder Bezüge zur erzählerischen
Linienführung Cezannes
aufweisen, beinhalten sie völlig neue Informationen. Während die 1950
erschienene Ausgabe des Time Magazine
seine künstlerischen Fortschritte als einen Zustand von Chaos darstellte und
Pollocks emotionale Intensität mit Wahnsinn verwechselte, hatte der
Künstler eine ganz andere Sicht auf sein Werk: "Kein Chaos, zur Hölle
damit" erklärte er.
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Susan Davidson, Kuratorin, Guggenheim
Museum Courtesy: Cheryl
Kaplan 2004 ©Cheryl Kaplan. All rights reserved.
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Susan Davidson ist Kuratorin des New Yorker
Guggenheim Museums und hat die Ausstellung No Limits, Just Edges
und den begleitenden Katalog zusammengestellt. Als umfassende Werkschau
von Jackson Pollocks Zeichnungen gibt die Schau eine retrospektive
Übersicht seines Schaffens. Cheryl Kaplan hat Susan Davidson
in ihrem New Yorker Büro getroffen, um mit ihr über Jackson Pollocks
Arbeit zu sprechen.
Cheryl Kaplan: Es gibt einen
berühmten Ausspruch von Jackson Pollock: "Ich nähere mich der Malerei so
wie man sich der Zeichnung nähert - direkt. Ich arbeite nicht nach
Zeichnungen, ich mache keine Skizzen, aus denen dann Gemälde entstehen."
Warum war es für Pollocks Werk so wichtig, die Zeichnung als
vorbereitenden Schritt zur Malerei zu eliminieren? War das radikal?
Susan Davidson: Er eliminierte die Zeichnung als traditionelle Vorstufe
zur Malerei. Pollock malte so wie er zeichnete. Das ist das Radikale
daran. Niemand hat diese
Ideale aus dem 19. Jahrhundert auf solch eine Art miteinander verschmolzen
wie Pollock.
Aber Cezanne hatte doch bereits damit begonnen, die
Zeichnung auf eine ähnliche Weise zu betrachten?
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Jackson Pollock, Ohne Titel 1939-42
The Whitney Museum of American Art
©Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2004
Ja, aber die damalige Zeit ließ es nicht zu, dass er dies dann tatsächlich
umsetzte.
Cezannes Gemälden liegt noch immer die Zeichnung zugrunde, nicht so bei
Pollock.
Mit welchen Zeichnungen beginnt die Ausstellung im
Deutsche Guggenheim?
Es handelt sich um eine vollständige
Retrospektive. Den Anfang bildet eine wunderschöne Landschaftszeichnung,
die ich als Jugendwerk aus den frühen Dreißigern bezeichnen würde, aus der
Zeit als Pollock nach New York kam und bei
Thomas Hart Benton studierte. Sie hat etwas von dem dogmatischen
Regionalismus und dem
Realismus an sich, die Benton ihm vermittelte. Bis dahin war seine
Zeichenkunst noch nicht so verfeinert. Diese Arbeit zählt zu den weiter
entwickelten und realistischeren Zeichnungen.

Jackson Pollock, Harbor and Lighthouse, 1934-38
Collection Beatrice Cunmmings Mayer, Chicago
©Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2004
War es für Pollock entscheidend, auf die Zeichnung als vorbereitende Geste zu
verzichten?
Ich weiß nicht, ob dies
wirklich ein bewusster Schritt war. Seine Arbeit ist so expressiv und
unmittelbar.
Könnte man diese Entscheidung als natürliche
Entwicklung bezeichnen?
Ja, in dem Sinne, dass er einfach einen
Arbeitschritt ausließ.
Auf gewisse Weise bilden Cezanne und
Benton so etwas wie einen Rahmen für Pollock.
Auch die
surrealistische Bewegung trug zu Pollocks Entwicklung bei, weil er dadurch
lernte, in seiner Arbeit
"automatisch" zu werden. Gleichzeitig bin ich mir nicht sicher,
ob er davon mehr beeinflusst war, als
Robert Motherwell und die anderen, die er in Peggy Guggenheims Galerie
traf.

Jackson Pollock , Ohne Titel, c.1946
Peggy Guggenheim Collection , Venice
(Solomon Guggenheim Foundation, New York)
©Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2004
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