Aus deutscher Sicht: Das Moskauer Puschkin Museum
zeigt Meisterwerke aus der Sammlung Deutsche Bank

Besucher der Ausstellung vor Wassily
Kandinskys "Aquarell mit rotem Fleck" (1911)
Die Sammlung Deutsche Bank zu Gast im Puschkin Museum: Mit rund 120
ausgewählten Werken markiert die Ausstellung „Aus Deutscher Sicht –
Meisterwerke aus der Sammlung Deutsche Bank“ Stationen der deutschen Kunst
des 20.Jahrhunderts. Selten gezeigte Arbeiten von Künstlern wie Emil
Nolde, Ludwig Kirchner, Gerhard Richter oder Neo Rauch wurden aus
Bankgebäuden rund um den Globus nach Moskau gebracht, wo sie bis Mitte
Januar 2005 zu sehen sind. Als Spiegel deutscher Kultur und Geschichte
bietet die Schau zugleich einen faszinierenden Einblick in das Konzept und
die Entstehung einer der international bedeutendsten
Unternehmenssammlungen, die im nächsten Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum
feiert.

Ernst Barlach, Betrunkene Bettlerin, 1906/07
Sammlung Deutsche Bank ©Barlach
Lizenzverwaltung Ratzeburg
Russland begann
für den deutschen Bildhauer und Maler
Ernst Barlach in Berlin. Während es ihm 1906 beim Antritt seiner Zugfahrt
in die Ukraine erschien, als ob am Bahnhof Friedrichstrasse "halb Russland
hocke", überfiel ihn bereits in Warschau die fast mystische "Beglücktheit
des seelig Erwachenden". Die Wirklichkeit des Zarenreiches, das
alltägliche Elend von politisch und sozial Entrechteten, wurde für ihn zur
"plastischen Realität". In der Begegnung mit der einfachen Landbevölkerung
fand der bis dahin ganz dem Jugendstil verhaftete Künstler zu seiner
eigenen Handschrift. Der essentielle Ausdruck des Menschlichen, den er in
Osteuropa empfand, ließ ihn die expressive Reduktion in seinem Werk
vehement vorantreiben und zu jenen Stilmitteln gelangen, die den bis dahin
eher unbeachteten Bildhauer schlagartig bekannt machten. Mit dynamischen
Linien und elementaren Formen lassen Barlachs Skulpturen und Zeichnungen
das Wesen der leidenden Kreatur gleichermaßen ausdrucksvoll wie
gesichtslos hervortreten. In seinen Porträts verdichten sie sich zu einer
Essenz, die Körperlichkeit und Spiritualität gleichermaßen vereint. Als
Teil von Barlachs Russischem Tagebuch zeugt die 1907 entstandene
Kohlezeichnung Betrunkene Bettlerin vom Drang, das Wesen des
Gegenübers mit allen Sinnen ganz unmittelbar zu erfassen und dabei
zugleich etwas Allgemeingültiges herauszuarbeiten, das weit über die
Wirren der Zeit hinausstrahlt.

Ernst Ludwig Kirchner, Bahnhof Königstein, 1917
Sammlung Deutsche Bank ©Dr. Wolfgang
& Ingeborg Henze Ketterer, Wichtrach/Bern
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Fast ein Jahrhundert nach seiner Entstehung bildet Barlachs
Zeichnung gemeinsam mit Werken von
Käthe Kollwitz,
Emil Nolde,
Paula Modersohn- Becker und
Lovis Corinth den Auftakt zum Rundgang durch die Ausstellung
Aus deutscher Sicht – Meisterwerke aus der Sammlung Deutsche Bank
im Moskauer Puschkin Museum. Der
Aufbruch der deutschen Moderne fällt fast zeitgleich mit der Eröffnung der
prominenten Kunststätte zusammen: Neben der
Petersburger Eremitage ist das 1898 von
Zar Nikolaus II gegründete Moskauer Puschkin-Museum heute die bedeutendste
Sammlung Russlands für Kunst von Altägypten bis zum Beginn des 20.
Jahrhunderts. Die vielfältigen künstlerischen Perspektiven, die mit
Aus deutscher Sicht in dem ans Hauptgebäude angeschlossenen
Museum für Privatsammlungen vorgestellt werden, richten den Blick auf
einen Abschnitt deutscher Geschichte, der ebenso von geistigem Aufbruch
wie von den katastrophalen Auswirkungen zweier Weltkriege bestimmt wurde.
In diesem Sinne verfolgt die Schau schlaglichtartig die künstlerischen
Strömungen von Expressionismus und Neuer Sachlichkeit bis zur
Nachkriegskunst und endet mit prominenten Vertretern zeitgenössischer
Positionen.

Uwe Kowski, Ohne Titel, 1992
Sammlung Deutsche Bank ©VG
Bild-Kunst, Bonn 2004
In sieben
Ausstellungsräumen des Museums werden in chronologischer Folge
herausragende Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen von rund 50
deutschsprachigen Künstlern aus der
Sammlung Deutsche Bank vorgestellt, wobei die Räume bestimmten Aspekten
zugeordnet sind: Vom einen Ufer zum anderen - Die Expressionisten der
"Brücke" und Max Beckmann, Großstadtmenschen - Traum
und Wirklichkeit der Weimarer Republik, Geschichte als Material -
Postmoderne und unbewältigte Vergangenheit. Jede Sektion
reflektiert schrittweise die Entwicklung der Deutschen Kunst im letzten
Jahrhundert, wobei der Öffentlichkeit selten präsentierte Schätze aus der
Sammlung zu besichtigen sind. So gehören neben Emil Noldes Ölbild
Herbstmeer (1910),
Wassily Kandinskys Aquarell mit rotem Fleck (1911) oder
Ludwig Kirchners Gemälde
Bahnhof Königstein (1917), auch
Max Beckmanns Krieger mit Vogelfrau (1939), Aquarelle von
Joseph Beuys und
Gerhard Richters
Kahnfahrt (1965) zu den Highlights.

Max Beckmann, Ruderer, 1928 Sammlung
Deutsche Bank ©VG Bild-Kunst,
Bonn 2004

Dr. Ariane Grigoteit, Global Head Deutsche Bank Art präsentiert der Presse den
Ausstellungskatalog
Es scheint, so schreibt
Dr. Ariane Grigoteit, Global Head der Deutsche Bank Art, in ihrem Vorwort
zum begleitenden Katalog, als sei es mit der Sammlung gelungen,
"Wesentliches" zu erfassen "und mit der Entscheidung für das Medium Papier
auch die Vielfalt der hervorragenden Entwicklungen des letzten
Jahrhunderts zu dokumentieren". Dementsprechend kommt der Ausstellung eine
doppelte Bedeutung zu.
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