Im Zwischenraum des Widerspruchs
Für
die einen ist John Baldessari ein typischer Vertreter der Pop-Art, die
anderen halten den 73-jährigen Kalifornier eher für einen Konzeptkünstler.
Die Wahrheit liegt wie so oft dazwischen. Für die Deutsche Guggenheim
Berlin hat der poppige Konzeptualist mit dem dreizehnteiligen Zyklus
Somewhere Between Almost Right and Not Quite (With Orange) eine
Auftragsarbeit geschaffen, in der er den unterschiedlichsten Einflüssen
seine Reverenz erweist: dem Kino und der reinen Farbe, der Wahrnehmung,
der Psychologie und dem Chaos.

Beast (Orange) Being Stared At: With two figures (Green, Blue), 2004,
©John Baldessari
Zwei
Männer stehen vor einem Schreibtisch. Ihre Gesichter sind nicht zu
erkennen, da sie von zwei blauen und grünen Punkten verdeckt sind. Doch
das ist noch harmlos verglichen damit, was sich in den Regionen weiter
unten abspielt. Auf Höhe der Tischplatte zieht sich ein vielfach
verwinkeltes, gezacktes, in kräftigem Orange gehaltenes Etwas quer über
die gesamte Breite des Bildes und verwandelt die an sich banale Szene in
eine Vision des perfekten Chaos. Dem widerspricht wiederum der
nüchtern-prosaische Titel der Darstellung. Sie heisst: Model
(Orange): With two Figures (Blue Green) 2004.
John Baldessari ist ein Meister der sinnfälligen Akzentuierung. Nach
James Rosenquist,
Andreas Slominski,
Hiroshi Sugimoto,
Lawrence Weiner,
Jeff Koons,
Rachel Whiteread, Bill Viola und
Gerhard Richter ist der 1931 in San Diego/Kalifornien geborene Baldessari
der neunte Künstler, der für die
Deutsche Guggenheim Berlin ein großes Auftragswerk geschaffen hat. Das
Motto, das Baldessari dem dreizehnteiligen Bilderzyklus voran gestellt
hat, lautet Somewhere Between Almost Right and Not Quite (with Orange)
. Es ist gut gewählt, denn es könnte auch für das Gesamtwerk des 73-jährigen
Künstlers gelten.
Von Anbeginn seiner
inzwischen fast fünf Jahrzehnte umspannenden Karriere hat Baldessari sich
immer "irgendwo dazwischen" befunden: zwischen
Pop-Art und Konzeptkunst
, zwischen Malerei, Fotografie, Grafik und Film. Es gibt von ihm ein Video,
das diese Haltung treffend illustriert. Baldessari hat den kurzen Film
1972 gedreht und darin selber eine tragende Rolle übernommen: Er tritt als
Sänger auf. Das Bemerkenswerte dabei ist die Kombination von Lied und
Liedtext. Zu verschiedenen allseits bekannten Melodien, darunter auch die
amerikanische Nationalhymne, singt er Manifeste, die sein Künstlerkollege,
der Erfinder der Konzeptkunst
Sol LeWitt verfasst hat.
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Baldessari dabei zuzusehen, wie er versucht, die
Kompliziertheit der Thesen Sol LeWitts nicht allzu sehr mit der
Einfachheit des Liedguts kollidieren zu lassen, hat beträchtlichen
Unterhaltungswert. Es zeigt aber vor allem auch, dass Baldessari der
Concept Art, der er normalerweise gerne zugeordnet wird, von Anfang an mit
Skepsis, Ironie und auch mit Humor gegenüber stand - wie er sich überhaupt
in seiner Laufbahn stets vehement gegen Vereinnahmungen jedweder Art
gewehrt hat.

Fissures (Orange) and Ribbons (Orange, Blue), 2004,
©John Baldessari
Angefangen hat Baldessari
als Maler. Nachdem er am State College in seiner Heimatstadt Kunst und
Literatur studiert hatte, ging er für ein Jahr an die
University of California in Berkeley , um Kurse in Kunstgeschichte zu
belegen. 1957 legte er, wieder zurück in San Diego, seinen Master of Arts
ab, anschließend zog er nach Los Angeles, wo damals Maler und Bildhauer
wie Ed Ruscha
und
Edward Kienholz die lokale Szene dominierten. Baldessari erprobte eine
Vielzahl von künstlerischen Techniken und Stilen, hielt sich aber von der
von Kienholz, Ruscha und anderen vertretenen unterkühlten Pop-Art der
Westküste weitgehend fern.
Sein künstlerisches
Schlüsselerlebnis hatte Baldessari im Sommer 1959, als er in
National City, dem Industrie- und Arbeitervorort
San Diegos, in dem er aufgewachsen war, einen Workshop für straffällig
gewordene Jugendliche übernahm. Die Erfahrung, mit welcher Begeisterung
die Jugendlichen sich auf die Kunst stürzten, bestärkte Baldessari in
seinem eingeschlagenen Weg. "Ich habe damals erkannt", so Baldessari viele
Jahre später in einem Interview, "wie magisch und stark die Kunst sein
kann. Sie hat denen mehr bedeutet als mir. Das hat mich motiviert
weiterzumachen...".
Die Begegnung mit Menschen, die über keine
künstlerische Vorbildung verfügten, wurde prägend für Baldessari. Er
suchte fortan nach Möglichkeiten, mit denen er seinen Drang zu
inhaltlicher Komplexität mit einer allgemein verständlichen Formensprache
verbinden konnte. Das führte ihn bald zur Fotografie, kurz darauf kam auch
Schrift als eigenständiges Element hinzu: Baldessari pflegte den Fotos,
die er auf mit lichtempfindlichen Emulsionen bestrichene Leinwände
druckte, einfache Ortsangaben als Titel zu geben und diese in großen
Lettern unübersehbar unter das Bild zu platzieren.
Durch diese
doppelte Betonung - einmal als Bild und noch einmal als Schriftzug -
erlangten unspektakuläre Orte wie die Autowaschanlage Econ-O-wash,
14th and Highland, National City, Calif. plötzlich gesteigerte
Bedeutung. So lenkte Baldessari die Aufmerksamkeit des Betrachters auf
Dinge, an denen dieser sonst achtlos vorbei gehen würde. Die Idee dahinter
war, "Kunst zu machen, die meiner direkten Umwelt entspringt, ohne sie zu
glorifizieren, immer nach dem Prinzip, dass das Wahre schön ist, egal, wie
hässlich es ist", so Baldessari.
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