In dieser Ausgabe:
>> Get into the Global Groove!
>> TV Nation
>> Sex, Zen und Videotapes
>> Das TV-Lächeln des Caravaggio

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Mit dieser Kritik scheint Rosefeldt bei aller Freude am Trash der Soaps nicht weit entfernt vom Kulturpessimismus eines Theodor W. Adorno oder Max Horkheimer zu liegen. Immerhin hieß es schon in deren 1947 veröffentlichter Dialektik der Aufklärung im Ton eines Generalverdachts: "Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit". Doch genau diesem Verdikt würde Rosefeldt aufgrund seiner Erfahrungen vehement widersprechen. Erst durch das Fernsehen hat er gelernt, welche Faszination vom Material ausgeht, wie viele Feinheiten und Nuancen in dem angeblich immergleichen Strom der Banalität durchscheinen. Zugleich ist bei Rosefeldt alle Formenvielfalt des Mediums nicht nur technisches Zierat, sondern Botschaft - ganz im Sinne McLuhans. Deshalb ist es gerade nicht der Leerlauf der Bilder, den er in Loops und Videostills bannt, sondern deren Konzentration: Fernsehen in Pillenform. Nicht anders arbeiten DJs, wenn sie aus meist wenig spektakulären Songs einen magischen Moment heraussampeln und in der Wiederholung zu völlig eigenständigen Kompositionen machen.


>>Ansicht von Julian Rosenfeldt: Global Soap aus der Serie "Juice"


Mit Fotoarbeiten wie Juice ist Rosefeldt dieser Begeisterung für den Augenblick selbst in den langweiligsten und banalsten Handlungen auf der Spur, bei denen im Fernsehen kaum jemand hinschauen würde, während sie in der Nachbearbeitung unglaublich an Dringlichkeit gewinnen. Mit seinen Arbeiten produziert er Bildräume, in denen das Fernsehbild zur Ikone wird. Trotzdem sieht er sich dabei keineswegs als Medienkünstler, der das Fernsehen als Spielfeld benutzt: " Medienkunst, Videokunst, das klingt für mich ein bisschen wie Kugelschreiber-Schriftsteller, das ist ein viel zu eingeschränktes Label. Mir geht es ja auch nicht um das Medium, das ich benutze, sondern um das System der Bildproduktion, das ich verstehen will". Insofern ist auch der Übergang vom Fundstück zu eigenen Fotografien fließend. Die Serie Oktoberfest etwa, die 1999 aufgenommen wurde und aus der auch die Deutsche Bank eine Arbeit für ihre Sammlung erworben hat, scheint auf den ersten Blick mit der Logik des Fernsehens zu brechen. Die chaotischen Szenen in Bierzelten erinnern eher an die großformatigen Fotoarbeiten eines Andreas Gursky.



Julian Rosefeldt: Oktoberfest 1996 / 1999, Sammlung Deutsche Bank
©Julian Rosefeldt

Zugleich sind die Bilder eine Bestandsaufnahme von Situationen, bei denen sich Alltag und Ritual nicht trennen lassen, in ihrer Mischung aus Hysterie und Ereignislosigkeit folgen sie der gleichen Struktur wie News und Global Soap. "Es geht um eine Abwandlung des schon Bekannten, das Oktoberfest ist ein Raum des Alltäglichen und der lokalen Folklore, die sich jedes Jahr als Ritual wiederholt - und die jedes Jahr eine Meldung in den Nachrichten wert ist". Dagegen war Rosefeldt an dem archaischen Kontext interessiert, der in den Bildern aufscheint: "Ich musste dabei an Gemälde wie Albrecht Altdorfers Alexanderschlacht denken, und auch die Fotos, die Andreas Gursky auf Techno-Raves gemacht hat, erinnern mich immer wieder an Schlachtengemälde". Wo Gursky die Tänzer allerdings als ekstatische Masse erhaben im Flutlicht der Großraumdiskos strahlen lässt, bleibt Rosefeldt mit Oktoberfest analytisch. Der Raum wird von der Architektur des Festzelts dominiert, die Bilder funktionieren als Serie nicht über das Einzelbild, sondern in den Details, die von Foto zu Foto abweichen und bei aller Ähnlichkeit unterschiedliche Grade der Stilisierung von Alltag aufweisen.





Julian Rosefeldt: Aus der Serie „Asylum“, 2003
©Julian Rosefeldt

Weil er sich als Künstler nicht ausschließlich auf die Analyse von Bildern verlegen wollte, hat Rosefeldt in den letzten zwei Jahren selbst Filme gedreht. Dabei ist Asylum entstanden, als Videoprojektion für neun Leinwände, die 2002 in der Rieck-Halle neben dem Hamburger Bahnhof in Berlin uraufgeführt wurde und diesen Sommer auch auf dem Theaterfestival in Avignon und auf der Biennale von Sao Paulo zu sehen sein wird. Diesmal lag dem Projekt bei Rosefeldt ein Unbehagen an der Berichterstattung über Ausländerfeindlichkeit zugrunde. Denn auch in politisch so unterschiedlich orientierten Medien wie Bild oder arte ähneln sich die Bilder, wenn es um die Darstellung von Migration geht: Fremdheit als anonyme Masse.

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