So viel Utopie wie nie: Medienkunst und die
Öffentlichkeit der Bilder zwischen Nam June Paiks "Participation TV" und
Big-Brother-Shows

Richard Hamilton: Just what was it that made Yesterday's Homes...,
1991, Sammlung Deutsche Bank
Als die Kunst in
den sechziger Jahren das Fernsehen entdeckte, stand die kulturelle
Revolution durch das Massenmedium noch aus. Mittlerweile sind die Pioniere
der Videokunst zwischen "Global Village"-Denken und Reality-TV fast in
Vergessenheit geraten. Dabei waren es Künstler wie Nam June Paik oder
Valie Export, die schon früh die Grenzen des Privaten mit
Fernseh-Performances durcheinanderwirbelten. Sind ihre Konzepte die
Vorbilder des heutigen Talkshow-Exhibitionismus gewesen? Anja Osswald über
Medienkunst als Selbstbespiegelung, politische Plattform und technisches
Spektakel.
Am Anfang der
Videokunst stand der Tod des Fernsehers. Als
Wolf Vostell 1963 im Rahmen des von
Robert Watts und
George Brecht initiierten
Yam-Fluxus-Festivals in New Brunswick, New Jersey, einen Fernsehapparat
mit noch laufendem Programm in der Erde vergrub, war das ein symbolischer
Akt. Sein TV-Begräbnis, dekoriert mit Stacheldraht,
Putenschnitzel und Notenständer richtete sich in ironisch-polemischer
Fluxusmanier gegen den Machtapparat Fernsehen.
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Günther Uecker: TV, 1963
©Günther Uecker
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Wolf Kahlen: TV-Spiegel, 1963/1969
©Wolf Kahlen
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Um die Verwandlung der Bild-Generierungs-Maschine in ein
stummes und duldsames Objekt ging es auch in anderen Arbeiten jener Jahre:
Joseph Beuys' Filz-TV machte aus dem Informationsträger einen
typisch Beuysschen Energiespeicher,
Günther Ueckers TV zeigte einen halbseitig vernagelten
Fernseher samt Tisch und Wolf
Kahlens TV-Spiegel ersetzte das Fern-Sehen durch die
Selbstbespiegelung des Betrachters.
Diese gleichermaßen polemischen
wie poetischen Attacken bildeten den Einstieg in das, was heute unter dem
Begriff
"Medienkunst" rangiert. Ob
Single-Channel-Video oder raumfüllende
Multi-Monitor-Installationen,
interaktive Netzkunst oder computergenerierte Bilder: Medienkunst hat sich
längst vom exotischen Nischendasein am Rand der Kunstgeschichte
emanzipiert und als fixe Größe im internationalen Kunstbetrieb etabliert.
Kaum eine Ausstellung über Gegenwartskunst, die heute noch ohne Monitore
auskommt, und kaum eine Kunsthochschule, deren Lehrplan auf den
Imagefaktor der "Neuen Medien" verzichtet. Dass die Medienkunst hoffähig
geworden ist, beweist nicht zuletzt das 1997 eröffnete
Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, das
in diversen Technologielabors interdisziplinäre Grundlagenforschung im
Bereich der digitalen (Bild-)Medien betreibt und ein eigenes
Museum unterhält. Im Lauf dieser Ausfaltung
der Medienkunst - man müsste vielleicht besser von Medienkünsten sprechen
- hat die Berufsbezeichnung Videokünstler mit den Jahren Patina angesetzt.
Aus heutiger Sicht wirkt sie unzeitgemäß - ja, fast schon anachronistisch.
Das war nicht immer so, im Gegenteil, als sich gegen Ende der sechziger
Jahre die erste Video-Kunst-Generation formierte, signalisierte das Label
Video Aufbruch und Revolte; nicht nur in ästhetischer, sondern vor allem
auch in gesellschaftlicher Hinsicht.

Wolf Vostell: Ohne Titel, aus "Weekend", 1972,
Sammlung Deutsche Bank
Angesichts der raschen
Ausbreitung der Kommunikations- und Medienindustrie auf beinahe alle
Lebensbereiche konzentrierte sich das künstlerische Interesse auf einen
"anderen" Gebrauch der zur Verfügung stehenden neuen Technologien.
Getragen von der kritischen Medientheorie unterschiedlicher Vertreter wie
Hans Magnus Enzensberger,
Umberto Eco und natürlich dem Visionär
Marshall McLuhan richtete sich die Kritik auf das einseitige
Sender-Empfänger-Schema des Fernsehens, das den Rezipienten auf die Rolle
eines passiven Konsumenten festschrieb. "Partizipation statt Konsumtion"
lautete die Devise, für die die inzwischen legendäre erste
Einzelausstellung
Nam June Paiks 1963 in der
Galerie Parnass in Wuppertal beispielhaft ist.
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