Neue Formen der Governance: In Barcelona suchen
Städteexperten und Politiker nach Wegen für die Metropolen der Zukunft
Nicht selten wird die Vision von riesigen Megalopolen beschworen, ein
undurchsichtiges Konglomerat von "Stadtstaaten", die als attraktive
wirtschaftliche Zentren weltweite Migrationsbewegungen voran treiben. Die
Probleme, die aus der Zusammenballung großer Menschenmassen
unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft auf dichtestem Raum
entstehen, übersteigen schon heute die Leistungsfähigkeit vieler
internationaler Großstädte. Steht die Stadt der Zukunft vor dem Kollaps?
Harald Fricke über die zweite European Mayors Conference, die
von der Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog in
Kooperation mit der London School of Economics and Political Science und
der AULA Barcelona am 13./14. Februar 2004 in Barcelona stattfindet.

Luftaufnahme: Altstadt von Barcelona
Vom
Flugzeug ist das blaue Dreieck schon beim Landeanflug sichtbar. 180 Meter
lang erstreckt sich die Fassade des
Gebäudekomplexes, der von dem schweizer Architektenduo
Herzog & DeMeuron entworfen wurde, und der in diesem Jahr mit dem
Projekt Forum 2004
eröffnet wird. Vom 9. Mai bis zum 26. September sollen hier Diskussionen,
Experten-Panels und Kulturveranstaltungen stattfinden, die alle ein
gemeinsames Thema haben: Wie sieht die Zukunft der Städte aus? Damit will
Barcelona eine Art "kreative Olympiade" anfachen, die beispielhaft für die
Entwicklung heutiger Metropolen sein könnte: Konkret bringt das
Forum 2004 über 56.000 neue Arbeitsplätze; insgesamt rechnet die Stadt
mit fünf Millionen Besuchern und nebenbei hat Barcelona am Ende des 141
Tage dauernden Festivals einen attraktiven Knotenpunkt in dem vormals
daniederliegenden Industrie- und Hafengebiet geschaffen. Was in Barcelona
bereits zur urbanen Realität gehört, stellt für viele europäische
Großstädte eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar.
Die Metropolen sind einem dramatischen Wandel unterworfen. Durch
Migration, globale Vernetzung und veränderte Arbeitsformen haben sich die
urbanen Konditionen extrem verändert. Auf Dauer werden einige wenige
Städte zu immer gewaltigeren Ballungszentren anwachsen, während bereits
jetzt kleinere und mittlere Großstädte
schrumpfen. Gibt es eine Möglichkeit, die Folgen des kaum aufhaltbaren
Prozesses zumindest für die Bewohner in einem erträglichen Rahmen zu
gestalten?

v.l.n.r.: Bevölkerungsdichte, Einzelhandelsdichte, Nutzung öffentlicher Gebäude
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Die moderne Großstadt als Mikrokosmos und wichtiger
Indikator gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen - eine Bedeutung, die die
Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog, der
gesellschaftspolitische
Think Tank der Deutschen Bank, frühzeitig erkannt hat. Im Rahmen ihres
Jahresthemas 2004, Verantwortungspartnerschaften:
Neue Formen der Governance im 21. Jahrhundert greift sie dieses Thema
auf und organisiert gemeinsam mit der London School of Economics and
Poltical Science (LSE) und der
AULA Barcelona eine Konferenz mit Bürgermeistern europäischer Großstädte.
Am 13. und 14. Februar 2004 treffen diese im Vorfeld zum Forum 2004
in Barcelona mit führenden Städteexperten zur zweiten
European Mayors Conference zusammen. Unter dem Motto "New social
patterns and policies: social cohesion, migration and urban governance"
stehen hierbei die Herausforderungen im Mittelpunkt, mit denen sich urbane
Ballungszentren in Europa gegenwärtig konfrontiert sehen: Wie reagieren
die europäischen Ballungszentren auf die veränderte Sozialstruktur in den
Großstädten? Wie kann sie aussehen, die sozial verträgliche, an den
Bedürfnissen ihrer Einwohner ausgerichtete Stadtplanung?

Julian Rosefeldt: Oktoberfest, 1996/1999, Sammlung Deutsche Bank, Courtesy
Galerie Six Friedrich & Lisa Ungar
Mit
dieser Fragestellung hatte sich bereits die erste European Mayors
Conference im Februar 2003 in London beschäftigt.(mehr dazu
hier) Zum ersten Mal trafen sich 16 Bürgermeister europäischer Großstädte,
um mit Stadtsoziologen und Architekten darüber zu diskutieren, wie eine
gemeinsame Stadtentwicklungspolitik aussehen könnte. Schon bei der
Konferenz im vergangenen Jahr wurde deutlich, dass die Entwicklung
heutiger Großstädte die Probleme der Gesellschaften in Europa und weltweit
bestimmen wird. Dazu zählen nicht nur das sich rapide verschiebende
demografische Verhältnis zwischen Städten und Staaten oder die explosiv
ansteigende Bevölkerungsdichte in manchen Metropolen, sondern auch Fragen
danach, wie sich ein Europa der Städte gemeinschaftlich verwalten lassen
könnte oder welche Rolle öffentlicher Raum angesichts dieser Dynamik
spielen wird.

Nobuyoshi Araki: Untitled from Tokyo Novelle, 1995,
Sammlung Deutsche Bank
Anlässlich der ersten
Bürgermeisterkonferenz plädierte
Saskia Sassen, Professorin für Urban Political Economy an der LSE, für ein
Umdenken in Bezug auf städtischen Raum als kreativer "Glamour Zone".
Sassen sieht den neuen Boom der Metropolen durchaus als Folge der
veränderten wirtschaftlichen Zusammenhänge, obwohl sich dank
Globalisierung und Informationstechnologien die ökonomischen Grundlagen
von konkreten Orten hin zu virtualisierten "electronic markets" verlagert
haben. Aber dieser Prozess sei nur die eine Hälfte der Geschichte. " Auf
der anderen Seite blühen strategische und kreative Aktivitäten gerade in
einem Umfeld hoher Bevölkerungsdichte auf, ganz gleich ob sie nun
wirtschaftlicher, künstlerischer oder politischer Natur sind.
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