Sozialforschung: Ein Interview mit Andrea Zittel
Von einer, die auszog, das Zusammenleben zu lernen: In den neunziger Jahren
hat Andrea Zittel in New York Living Units entworfen, die sich als
Kapseln in private Wohnungen einbauen ließen. Damit wollte die Künstlerin
untersuchen, wie Menschen ihren Lebensraum organisieren. Mittlerweile
stehen ihre Units in Museen, und für die Dänische Regierung hat Andrea
Zittel eine künstliche Insel vor der Küste Dänemarks gestaltet. Seit
einiger Zeit lebt sie zurückgezogen vom Großstadtalltag in der
kalifornischen Wüste in Joshua Tree. Cheryl Kaplan sprach mit
der Künstlerin über ihre Arbeit, die Grenzen der Privatheit und
mittelalterliche Städte als Alternative zu heutigen
Organisationsprinzipien.

Andrea Zittel: A-Z West, Foto: Andrea Zittel
Ihre Eltern leben seit zehn Jahren auf einem 9,5 m langen Segelschiff im
Südpazifischen Ozean. Keine Sorge, der Toyota Kleinbus parkt in der Nähe,
und falls sie sich doch irgendwohin wagen möchten, sagen wir, um ihre
Tochter in Kalifornien zu besuchen, steht noch ein Dodge Wohnwagen in
Rufnähe bereit. Seit den frühen neunziger Jahren, als
Andrea Zittel ihr Büro A-Z Administrative Services (A-Z
Verwaltungsdienste) gründete, eine Art Ersatz-Holdinggesellschaft, zu der
inzwischen zwei Geschäftszweige gehören, die
A-Z East und die
A-Z West, arbeitet die Künstlerin wie ein moderner Stadtstaat und
teilt ihr Leben zwischen New York und Joshua Tree, Kalifornien, auf.
A-Z, das Herstellungs-Präfix zu ihren Arbeiten, umfasst
A-Z Living Units (Wohneinheiten),
A-Z Escape Vehicles (Fluchtfahrzeuge),
A-Z Cellular Compartments (Zelleneinheiten) und
A-Z Deserted Islands (Einsame Inseln). Zittels Umzug nach Kalifornien
wirkt zunächst entschieden anti-urban. Sollten Sie jedoch annehmen, dass
Wüste mit Privatheit gleichzusetzen ist, dann haben Sie noch nicht die
vielen Menschen gesehen, die plötzlich bei A-Z West auflaufen.
Sogar die mittelalterlich anmutende Stadt selbst wirkt wie ein Container
oder ein Magnet. Mobilität unterstreicht schließlich nur Zittels Praxis,
die ihren Alltag und den der anderen sanft aus dem Gleichgewicht bringt.
Ich sprach mit Andrea Zittel, die zu Hause bei A-Z West weilte.

Andrea Zittel: A-Z Homestead Units #2, 2001,
Sammlung Deutsche Bank, © Andrea Zittel
Cheryl Kaplan: 1992 sagten Sie: "Einige Künstler
machen Objekte; meine Arbeit besteht in der Organisierung des Lebens".
Worin besteht die Beziehung zwischen der Unternehmenssprache, die sie
wählen, und der Organisation einer Stadt? Auf welche Weise überführt die
Struktur von A-Z East, A-Z West und den Administrative
Services die Systeme urbaner Stadtplanung in den privaten Bereich?
Andrea Zittel: Ich habe bis vor kurzem nie viel über die Struktur von
Städten nachgedacht. Das liegt wohl daran, dass ich in Joshua Tree lebe.
Wir sind Teil der riesigen Gemeinde von San Bernardino, die einen Großteil
ihrer Gesetzgebung überarbeitet. Deshalb dürfen wir unser Anliegen
formulieren. Ich gehe dauernd zu Bürgertreffen und lerne, wie die Dinge
funktionieren. Wir sprechen darüber, ob wir eingemeindet werden sollen,
oder nicht.
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CK: Ist Stadtplanung ein
Gedanke, der parallel zu Ihrer Arbeit verläuft?
AZ:
Mich interessiert, wie der Einzelne zu einem ganzen Unternehmen werden
kann, aber auch, dass mächtige Unternehmen wie Regierungen agieren. Der
Chef eines Unternehmens ist so etwas wie ein letzter Monarch.
CK:
Designer entwickeln Unternehmen, um individuelle Produkte zu vermarkten, die
gebrandet werden und einen Marktanteil erwerben. Was Sie machen erinnert
an die Entwicklung einer Stadt, die eher darauf zielt, Menschen zu
erreichen, als Produkte zu platzieren. Die Produkte, die Sie herstellen,
werden zu Mitteln, um eine Beziehung zu ihren Besitzern zu erzeugen.
AZ: Sich einen Unternehmensnamen zuzulegen war auch eine Form von
persönlichem Machtzuwachs.

Andrea Zittel: A-Z Six Month Seasonal Uniforms, 1992-95 Installationsansicht
Deichtorhallen Hamburg, (1999-2000) ,
Mit freundlicher Unterstützung von Andrea Rosen Gallery, New York und
Deichtorhallen Hamburg, © Andrea Zittel
CK: Und später kam die
Unternehmensuniform dazu. Ich stelle mir dabei Arbeiter in öffentlichen
Arbeitsbereichen vor, die Uniformen tragen. Geht es bei der Uniform um
Schlichtheit und ökonomisches Design oder darum, allgemeine Unterschiede
zu minimieren?
AZ: Die Kleidung war eine Reaktion auf
Überfluss und Designer-Kleidung. Ich komme aus einer anderen
Gesellschaftsschicht, als die, mit der ich in New York zu tun hatte. Ich
konnte mir Markenartikel nicht leisten. Um sich zu wehren, war es egal,
welchem System man folgte. Hauptsache man hatte eins.
CK:
Sparsamkeit ist sowohl eine ästhetische, als auch eine gesellschaftliche
Entscheidung.
AZ: Es ist mir erfolgreich gelungen, meine
Kleidungsstücke so glamourös wie Marken erscheinen zu lassen. Das ist ein
kleiner persönlicher Sieg. Die Schlichtheit steht in Bezug zu dem, was Sie
darüber sagten, dass einige Leute dazu gebracht werden sollten, ihre
überschüssige Kleidung abzugeben. Meine Mutter war eine
Schnäppchenjägerin. Sie hatte einen 5,5m breiten Schrank vollgestopft mit
Klamotten, an denen noch die Preisschilder hingen. Das war viel
bedrückender, als eine festgelegte Garderobe zu besitzen. Es hatte etwas
befreiendes, nur eine Garderobe zu haben.
CK: Haben Sie
immer noch eine festgelegte Garderobe?
AZ: Ich habe mich von
der Filzkleidung getrennt. Jetzt besitze ich vier Kleider für jede Saison
und wenn ich arbeite, trage ich Jeans. Ich vermisse die Ungezwungenheit
der Uniform.
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Andrea Zittel: A-Z Uniforms:
Summer`99 (Berlin), 1999, Mit freundlicher Unterstützung von Andrea
Rosen Gallery New York, © Andrea Zittel
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Andrea Zittel: A-Z Uniforms: Fall
2001, Mit freundlicher Unterstützung von Andrea Rosen Gallery New
York, © Andrea Zittel
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