CK: Worin unterscheiden sich
die Wohneinheiten von Ihren jüngsten Arbeiten?
AZ: Die
ersten
Wohneinheiten entstanden in den frühen Neunzigern in New York. Ich
wohnte auf begrenztem Raum, der mir nicht entsprach. Ich wollte einen
möglichst personalisierten Raum schaffen.
CK: Handelte
es sich dabei um
Einbauten für gemietete Wohnungen?
AZ: Es war, als
besäße man eine Wohnung, die in ein Haus, das anderen Leuten gehört, wie
in eine Muschel passen würde. Ich wollte alle Veränderungen innerhalb der
Kapsel dieser Wohneinheiten vornehmen. Die Serie endete, als ich 1994 ein
Gebäude in New York kaufte. Ich begann,
Möbel zu entwerfen, die verschiedenen Ansprüchen genügen sollten. Die
Wagon Stations sind die neuesten Arbeiten, unabhängige Kapseln für den
Außenraum, in denen man wie in einem Ferienhaus wohnen kann und die als
kleinstmöglich vorstellbare, komfortable Wohneinheit entworfen sind. Ein
Kombiwagen (station wagon) schien genau die richtige Größe zu haben,
deshalb heissen sie auch Wagon Stations. Sie sind etwa 2,1 m x 1,2
m groß, die Vorderseite ist gewölbt und lässt sich zu einem Sonnenschutz
aufklappen. Drinnen befindet sich ein Bett, eine Ablage und ein
Camping-Kocher. Eine halbe Stunde von hier habe ich mitten im Niemandsland
ein Grundstück gekauft. Es wäre schön, dort etwas zu haben, auf dem ich
aufbauen könnte, aber es gibt Probleme mit Vandalismus. Wenn man etwas
kleines macht, verschwindet es in der Landschaft, es würde wie ein Koffer
oder ein Kasten wirken.

Andrea Zittel: : A-Z Cellular Compartment Units, 2001,
Installationsansicht IKON-Gallery, Birmingham, UK,
Courtesy Andrea Rosen Gallery New York und
IKON-Gallery, UK , ©Andrea Zittel
CK:
In den fünfziger Jahren war das amerikanische Heim ein Ort der Freizeit für
jeden, mit Ausnahme der Frau. Heutzutage ist die Wohnung vornehmlich ein
Ort der Arbeit. Inwieweit gehen Ihre Arbeiten diesem Konflikt zwischen
Freizeit und Arbeit nach?
AZ: Meine Arbeit unterstreicht
diese Aufspaltung. Es handelt sich um ein geistesgeschichtlich begründetes
Phänomen, das seit dem 12. Jahrhundert immer weiter ausgebaut wurde. Diese
Trennung drängt sich wieder auf, weil die Arbeit im Kommunikationsbereich
nach Hause verlagert wird. Die Cellular Compartment Units widmen
sich der Überschneidung und Aufteilung von Zeit, Funktion und Raum.
CK: Sie packen Funktionalität in einen verdichteten Raum.
AZ: Das ist von Fall zu Fall verschieden. In
Raugh [gesprochen: raw] werden die Dinge funktionaler, je weniger ihre
Funktion festgelegt ist. Mehrzweckformen und -räume können mehr
Anforderungen erfüllen.

Andrea Zittel: Raugh, Installationsansicht 1998,
Vorne - Raugh Furniture: Lucinda, Hinten - Raugh Furniture: Jack,
Mit freundlicher Unterstützung der Künstlerin und Andrea Rosen Gallery New
York, © Andrea Zittel
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CK: Die Living Units
versprechen ein Entkommen oder ein besseres Leben durch Reisen, dennoch
sind sie ortsgebunden. Wie haben Sie die "Reise irgendwohin" aufgefasst?
AZ: Der Slogen für die Escape Vehicles lautete: Wann immer Du
fliehen willst, steig ein und schließ die Luke. Wenn jemand eine silberne
Kapsel kauft, dann entwerfen wir die entsprechende ultimative
Fluchtfantasie für den Innenraum. Die Menschen reisten früher in
exotische, unbekannte Länder, um zu entkommen. Heute kennen wir fast jeden
Ort, an den man reisen kann, also ziehen sich die Menschen in ihr
Innerstes zurück.
CK: Hängt das mit der Globalisierung
zusammen oder eher mit der Selbstbezogenheit der Menschen?
AZ:
Das Private ist eine Konstruktion, in die sich Menschen flüchten. Die
Gestaltung der eigenen Wohnumgebung gilt als Spiegelbild der
Persönlichkeit. Jeder bildet sich ein, dass seine Erfahrungen einzigartig
sind, aber das stimmt nicht.
CK: Was passiert, wenn ein
Sammler oder ein Museum eine Living Unit kauft und sie als
Ausstellungsobjekt benutzt anstatt zum Wohnen?
AZ: In den
ersten vier Jahren meiner Laufbahn habe ich hart daran gearbeitet, dem
Sammler eine wirkliche Erfahrung zu vermitteln. Ich habe alles versucht.
Ich habe die Stücke den Kundenwünschen angepasst und mit den Leuten
zusammen gearbeitet, wenn sie eine Uniform gekauft haben, oder sie dazu
gebracht, Verträge zu unterschreiben, dass sie sie tragen würden. Über
diese Erfahrungen wurde heftig verhandelt - sie waren für andere Leute
nicht so wirksam wie für mich. Es war irgendwie künstlich. Wenn jemand ein
Kunstexperiment macht und ein anderer versucht, darin zu leben, steckt der
Reiz des Neuen dahinter. Man macht es ein oder zwei Tage lang, danach
nutzt man es dann als Gästezimmer oder um eine exotische Erfahrung zu
machen. Aber das ist kein Lebensexperiment, wie die Arbeiten für mich
eigentlich funktionieren würden. Meine eigenen Erfahrungen sind die
einzigen, die ich kontrollieren kann.
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Andrea Zittel: A-Z 1994 Living Unit
Customized for the Jedermann Collection, 1994 Mit freundlicher
Unterstützung der Künstlerin und Andrea rosen Gallery, New York ©
Andrea Zittel
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Andrea Zittel: A-Z 1994 Living Unit
II, 1994, Mit freundlicher Unterstützung der Künstlerin und Andrea
rosen Gallery, New York © Andrea Zittel
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CK: Im 14. und 15. Jahrhundert
erwarb man sich Ansehen durch seine Leistungen im öffentlichen Leben. Das
Privatleben wurde über Familie ausgedrückt, nicht über das Individuum. Auf
welche Weise nutzt Ihre Arbeit die Aufteilung zwischen dem Öffentlichen
und dem Privaten? Die Units sind Single-Behausungen, sie bieten
kaum Platz für einen Mitbewohner -
AZ: Das begann sich
mit A-Z East zu ändern. Ständig kamen Gäste zu Besuch. Ich habe
einen Ich habe das genutzt, indem ich viele Prototypen entwickelte und sie
von Personen testen ließ, die dafür Gutachten schrieben. Darin liegt eine
gewisse Ironie. Ich spreche immer davon, alleine sein zu müssen, aber das
klappt eigentlich nie. Ich bin in die Wüste gezogen, weil ich ganz eigene
Forschungen anstellen wollte. In den letzten beiden Monaten war ich nur
zwei Nächte alleine. Mein Haus in Kalifornien ist über 200 qm groß und hat
ein winziges Schlafzimmer, aber die Leute ziehen es vor hier zu bleiben,
anstatt in ein Hotel zu gehen. Das ist auf bizarre Weise gesellig; darin
liegt ein Konflikt. Die enorme Spannung in meinen Arbeiten rührt von dem
Widerspruch zwischen dem Alleinsein und dem Zusammensein.
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Andrea Zittel: Joshua Tree:
Spaziergang auf den Salzfeldern bei Site 7, Foto: David Dodge
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Andrea Zittel: Joshua Tree: Shawn
Caley-Regen und Martha Otero betrachten Sarah Vanderlips Arbeit auf
Site 5, Foto: David Dodge
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