In dieser Ausgabe:
>> Interview mit Andrea Zittel
>> Miwa Yanagi: Die Schönheit des Kerkers
>> Nenn mich nicht Stadt
>> Neue Formen der Governance
>> Arbeit am Mythos

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In Granddaughters, der jüngsten Reihe der Künstlerin, entwickelt Miwa Yanagi ihre Raum- und Bildsynthesen weiter. Untersucht sie in Elevator Girls aber noch die Unfähigkeit zu Kommunizieren im Entwurf einer zeitenthobenen, in sich geschlossenen anonymen Gegenwelt, die Unbehagen erzeugt, so verfolgen sowohl My Grandmothers als auch Granddaughters das genaue Gegenteil. Den Wunsch vor Augen, der urbanen Anonymität zu entfliehen, sagt Yanagi: "Ich wandere wie durch eingefrorene Städte: Unmöglich, zu den Frauen an den Informationsschaltern in Beziehung zu treten. Sie sind flüchtige Erscheinungen - wie das Licht eines U-Bahn-Zuges, das wir nur in jenem kurzen Augenblick sehen können, bevor der Wagen in die Station einfährt." Das Individuelle rückt nun in den Mittelpunkt. Es geht um Kommunikation in ihrer ganzen Bandbreite: Dialoge, Interviews, Erlebnisberichte, geschriebener Text, visuelle und digitale Medien. Alle der Informationsgesellschaft zur Verfügung stehenden Mittel werden in Yanagis Arbeiten elegant miteinander verknüpft und dienen der weiteren Erkundung des Raumbegriffs, der hier um die zeitliche Dimension erweitert wird.


Miwa Yanagi: My Grandmothers, Miwa, 2001, Sammlung Deutsche Bank, © Miwa Yanagi

In ihrer komplexen Überlagerung von Realem und Imaginärem werden Yanagis Raumsynthesen als "Seelenarchitektur" lesbar. Nach dem zukunftsgewandten Ausblick von My Grandmothers, richtet Granddaughters den Blick zurück in die Vergangenheit. In dieser ersten Video-Installation der Künstlerin erzählen Großmütter über ihre Großmütter. Statt der eigenen Stimme ertönen die Stimmen junger Mädchen, die das Gesprochene synchronisieren, wobei einmal mehr uns bekannte Chiffren verwendet werden: Die sterile Ästhetik von Fernsehbildern zitierend, wirken die vor unterschiedliche Stadtpanoramen präsentierten Großmütter auf den Monitoren wie Nachrichtensprecherinnen. Realität und Phantasie finden auch hier in einer Traumwelt zueinander, die die undurchdringliche Psyche des modernen Menschen zum Gegenstand hat: "Für diese alten Ladies sind manche der Geschichten, die sie mir erzählt haben, genau das und nichts anderes, Geschichten oder Phantasien. Ihre Großmütter sind schon so lange tot, und nun sprechen sie fast ausschließlich von den schönen Erinnerungen, nicht von den unangenehmen."


Miwa Yanagi: Granddaughters, 2003, Installationsansicht, Ausstellung Lille 2004

In Miwa Yanagis Räumen verlieren das "Richtige" und das "Wahre" mit der Relativierung des Wirklichen an Gültigkeit. An ihre Stelle scheint das Kriterium des "Schönen" wie ein Nachhall von Vilém Flussers verändertem Wirklichkeitsbegriff zu treten: "Aus der zu Schaum zerblasenen Wirklichkeit taucht die Göttin der Schönheit empor".


Leseempfehlung:
Vilem Flusser, Digitaler Schein, in: Rötzer, F. (Hrsg.) 1991, S. 147 - 159.
Ders., Virtuelle Räume - Simultane Welten, in: arch+ Nr.111 (1992)

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