In Granddaughters, der jüngsten Reihe der
Künstlerin, entwickelt Miwa Yanagi ihre Raum- und Bildsynthesen weiter.
Untersucht sie in Elevator Girls aber noch die Unfähigkeit zu
Kommunizieren im Entwurf einer zeitenthobenen, in sich geschlossenen
anonymen Gegenwelt, die Unbehagen erzeugt, so verfolgen sowohl My
Grandmothers als auch Granddaughters das genaue Gegenteil. Den
Wunsch vor Augen, der urbanen Anonymität zu entfliehen, sagt Yanagi: "Ich
wandere wie durch eingefrorene Städte: Unmöglich, zu den Frauen an den
Informationsschaltern in Beziehung zu treten. Sie sind flüchtige
Erscheinungen - wie das Licht eines U-Bahn-Zuges, das wir nur in jenem
kurzen Augenblick sehen können, bevor der Wagen in die Station einfährt."
Das Individuelle rückt nun in den Mittelpunkt. Es geht um Kommunikation in
ihrer ganzen Bandbreite: Dialoge, Interviews, Erlebnisberichte,
geschriebener Text, visuelle und digitale Medien. Alle der
Informationsgesellschaft zur Verfügung stehenden Mittel werden in Yanagis
Arbeiten elegant miteinander verknüpft und dienen der weiteren Erkundung
des Raumbegriffs, der hier um die zeitliche Dimension erweitert wird.

Miwa Yanagi: My Grandmothers, Miwa, 2001, Sammlung Deutsche Bank, ©
Miwa Yanagi
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In ihrer komplexen Überlagerung von Realem und Imaginärem
werden Yanagis Raumsynthesen als "Seelenarchitektur" lesbar. Nach dem
zukunftsgewandten Ausblick von My Grandmothers, richtet
Granddaughters den Blick zurück in die Vergangenheit. In dieser ersten
Video-Installation der Künstlerin erzählen Großmütter über ihre
Großmütter. Statt der eigenen Stimme ertönen die Stimmen junger Mädchen,
die das Gesprochene synchronisieren, wobei einmal mehr uns bekannte
Chiffren verwendet werden: Die sterile Ästhetik von Fernsehbildern
zitierend, wirken die vor unterschiedliche Stadtpanoramen präsentierten
Großmütter auf den Monitoren wie Nachrichtensprecherinnen. Realität und
Phantasie finden auch hier in einer Traumwelt zueinander, die die
undurchdringliche Psyche des modernen Menschen zum Gegenstand hat: "Für
diese alten Ladies sind manche der Geschichten, die sie mir erzählt haben,
genau das und nichts anderes, Geschichten oder Phantasien. Ihre Großmütter
sind schon so lange tot, und nun sprechen sie fast ausschließlich von den
schönen Erinnerungen, nicht von den unangenehmen."

Miwa Yanagi: Granddaughters, 2003, Installationsansicht, Ausstellung Lille 2004
In Miwa Yanagis Räumen verlieren das "Richtige" und das "Wahre" mit der
Relativierung des Wirklichen an Gültigkeit. An ihre Stelle scheint das
Kriterium des "Schönen" wie ein Nachhall von Vilém Flussers verändertem
Wirklichkeitsbegriff zu treten: "Aus der zu Schaum zerblasenen
Wirklichkeit taucht die Göttin der Schönheit empor".
Leseempfehlung: Vilem Flusser,
Digitaler Schein, in: Rötzer, F. (Hrsg.) 1991, S. 147 - 159.
Ders., Virtuelle Räume - Simultane Welten, in:
arch+ Nr.111 (1992)
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