In dieser Ausgabe:
>> Interview mit Andrea Zittel
>> Miwa Yanagi: Die Schönheit des Kerkers
>> Nenn mich nicht Stadt
>> Neue Formen der Governance
>> Arbeit am Mythos

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"In Elevator Girls ging es sowohl um mich als auch um andere japanische Frauen. Als ich die Serie begann (...) hatte ich das starke Gefühl, lediglich eine Rolle in einer genormten Gesellschaft zu spielen, die mir eine bestimmte Tätigkeit an einem bestimmten Ort zuwies. Ich arbeitete zwar nicht als Aufzugmädchen, aber die Idee schwang symbolisch mit." Der Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, der in diesem Kommentar der Künstlerin nachhallt, ist symptomatisch. Wie in kaum einem anderen Land definieren sich modernes Leben und Gruppenzugehörigkeit in Japan über Codes, Etiketten, Uniformen und Verkleidungen, die zwar dem Bedürfnis der Menschen wahrgenommen zu werden entsprechen, doch am Ende nur Gleichförmigkeit erzeugen. Wer kennt nicht die vielen bunten von schrillen Jugendlichen bevölkerten Bilder aus Tokio? Kogal, Ganguro, Otaku: genauso exotisch wie die Namen für uns klingen, ist das festen Regeln folgende Erscheinungsbild dieser Jugendbewegungen.


Miwa Yanagi: My Grandmothers, Ayumi, 2001, Sammlung Deutsche Bank, © Miwa Yanagi

Yanagi nähert sich diesem Phänomen, indem sie die glatten Oberflächen porös werden lässt. Raffiniert nutzt sie dabei Elemente der Werbeästhetik, denen eben jene Codes entlehnt sind, derer sich die moderne Konsumgesellschaft bedient. Ihre mit minutiösem Perfektionismus am Computer bearbeiteten Fotografien sind Bildsynthesen, mit denen sie die von der Werbeindustrie erzeugten Projektionen sichtbar macht und auf die sich allseits vollziehende Relativierung des Wirklichen verweist. Die moderne urbane Welt bietet dem Menschen eine kaum mehr zu überschauende Vielfalt an Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen. Er ist überfordert, verstört und sucht, sich seiner ungewiss anmutenden Zukunft zu entziehen. Vilém Flusser bezieht sich in seinem Text Digitaler Schein zur Ästhetik der elektronischen Medien auf eben diese Erfahrung: "Wir sind nicht mehr Subjekt einer gegebenen objektiven Welt, sondern Projekte von alternativen Welten. Aus der unterwürfigen subjektiven Stellung haben wir uns ins Projizieren aufgerichtet. Wir werden erwachsen. Wir wissen, daß wir träumen."


Miwa Yanagi: Eternal City I, 1998, Sammlung Deutsche Bank, ©Miwa Yanagi

Miwa Yanagi gibt diesen subjektiven Träumen einen Ort. Es sind die hermetischen Räume, die sie für die Serie der Elevator Girls konstruiert und in denen der Betrachter ganz der Unentrinnbarkeit ausgeliefert ist. So gruppieren sich in Eternal City I (1998) elf gleich uniformierte Mädchen um eine weiss strahlende Modellstadt in einem ansonsten menschenleeren modernen Gebäude. Die kompositorischen Bestandteile des Bildes folgen einem strengen formalen Aufbau, der von Ellipsen, Rauten und Fluchtwinkeln bestimmt wird. Die Künstlerin entwirft einen Idealraum, in dem die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt gefallen sind und sich die geheime Lust an einer gestörten Realität offenbart. In Midnight Awakening Dream/ Mitternachtserwachentraum, einem auf die Serie bezogenen Text erwähnt sie: "Durch die meisten Räume, die in Träumen erscheinen, geht man einfach hindurch. Ebenso passiert man überall in der Wirklichkeit Durch- und Übergänge - Strassen, Treppen, Aufzüge, Rolltreppen, Bahnsteige."

>> Panoramaansicht von Miwa Yanagi: Midnight Awakening Dream


Yanagis utopische Architekturvisionen haben etwas subtil Bedrückendes. Ihre ornamentalen Konstruktionen wirken labyrinthisch und gleichen darin den rätselhaften Carceri-Zeichnungen von Giovanni Battista Piranesi (1720-1778). Seine unheimlichen Kerker sind Orte, in denen der logische Raumzusammenhang halluzinatorisch übersteigert ist, in denen Holzbrücken auf leere Mauerstücke zulaufen und Treppen ins Nichts führen. Ebenso wie bei Piranesi sind Alltag und Natur aus Yanagis Elevator-Räumen verbannt. Selbst in den Arbeiten Elevator Girl House B4 und der zweiteiligen Elevator Girl House 1F dienen die Zitate von Natur, die sich spiegelnde Wasseroberfläche und die in Vitrinen eingeschlossenen Blumen, der Betonung einer künstlich erzeugten Traumwelt: "Ich träume häufig von solchen Räumen: Die Frauen, die ich in meinen Arbeiten zeige, sitzen dort in der Falle; sie können aus den an ihnen vorbeiziehenden Szenen nicht heraus, diese schrecklichen Posen. Sie alle haben diese Konsumtempel schon gesehen, diese unterirdischen Einkaufskatakomben, diese Aquarien ohne Ausgang", so Yanagi in ihrem Text Cities on the move. In Umkehrung der von Piranesi deklinierten Begriffe von Angst und Schrecken, die den ästhetischen Kanon bereits früh um die Faszination des Häßlichen erweitern, erzeugt Yanagi einen Schauer des Schönen, indem sie mit Perfektion eine Welt simuliert, in der die Übersteigerung von glatten Oberflächen, genormten Frauen und einer sich selbst potenzierenden Architektur keinen Himmel über sich und keine Realität außer sich duldet.

Giovanni Battista Piranesi: Carceri d'Invenzione, Der runde Turm (2. Zustand), um 1750 Giovanni Battista Piranesi: Carceri d'Invenzione, Titelblatt: Erfundene Kerker (2. Zustand), um 1750

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