"In Elevator Girls ging es sowohl um mich als
auch um andere japanische Frauen. Als ich die Serie begann (...) hatte ich
das starke Gefühl, lediglich eine Rolle in einer genormten Gesellschaft zu
spielen, die mir eine bestimmte Tätigkeit an einem bestimmten Ort zuwies.
Ich arbeitete zwar nicht als Aufzugmädchen, aber die Idee schwang
symbolisch mit." Der Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, der in
diesem Kommentar der Künstlerin nachhallt, ist symptomatisch. Wie in kaum
einem anderen Land definieren sich modernes Leben und Gruppenzugehörigkeit
in Japan über Codes, Etiketten, Uniformen und Verkleidungen, die zwar dem
Bedürfnis der Menschen wahrgenommen zu werden entsprechen, doch am Ende
nur Gleichförmigkeit erzeugen. Wer kennt nicht die vielen bunten von
schrillen Jugendlichen bevölkerten Bilder aus Tokio?
Kogal,
Ganguro,
Otaku: genauso exotisch wie die Namen für uns klingen, ist das festen
Regeln folgende Erscheinungsbild dieser Jugendbewegungen.

Miwa Yanagi: My Grandmothers, Ayumi, 2001, Sammlung Deutsche Bank, © Miwa
Yanagi
Yanagi nähert sich diesem Phänomen,
indem sie die glatten Oberflächen porös werden lässt. Raffiniert nutzt sie
dabei Elemente der Werbeästhetik, denen eben jene Codes entlehnt sind,
derer sich die moderne Konsumgesellschaft bedient. Ihre mit minutiösem
Perfektionismus am Computer bearbeiteten Fotografien sind Bildsynthesen,
mit denen sie die von der Werbeindustrie erzeugten Projektionen sichtbar
macht und auf die sich allseits vollziehende Relativierung des Wirklichen
verweist. Die moderne urbane Welt bietet dem Menschen eine kaum mehr zu
überschauende Vielfalt an Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen. Er
ist überfordert, verstört und sucht, sich seiner ungewiss anmutenden
Zukunft zu entziehen.
Vilém Flusser bezieht sich in seinem Text Digitaler Schein zur
Ästhetik der elektronischen Medien auf eben diese Erfahrung: "Wir sind
nicht mehr Subjekt einer gegebenen objektiven Welt, sondern Projekte von
alternativen Welten. Aus der unterwürfigen subjektiven Stellung haben wir
uns ins Projizieren aufgerichtet. Wir werden erwachsen. Wir wissen, daß
wir träumen."

Miwa Yanagi: Eternal City I, 1998, Sammlung Deutsche Bank, ©Miwa Yanagi
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Miwa Yanagi gibt diesen subjektiven Träumen einen Ort. Es
sind die hermetischen Räume, die sie für die Serie der
Elevator Girls konstruiert und in denen der Betrachter ganz der
Unentrinnbarkeit ausgeliefert ist. So gruppieren sich in Eternal City I
(1998) elf gleich uniformierte Mädchen um eine weiss strahlende Modellstadt
in einem ansonsten menschenleeren modernen Gebäude. Die kompositorischen
Bestandteile des Bildes folgen einem strengen formalen Aufbau, der von
Ellipsen, Rauten und Fluchtwinkeln bestimmt wird. Die Künstlerin entwirft
einen Idealraum, in dem die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt gefallen
sind und sich die geheime Lust an einer gestörten Realität offenbart. In
Midnight Awakening Dream/ Mitternachtserwachentraum, einem auf
die Serie bezogenen Text erwähnt sie: "Durch die meisten Räume, die in
Träumen erscheinen, geht man einfach hindurch. Ebenso passiert man überall
in der Wirklichkeit Durch- und Übergänge - Strassen, Treppen, Aufzüge,
Rolltreppen, Bahnsteige."
>> Panoramaansicht von Miwa Yanagi: Midnight Awakening Dream
Yanagis utopische Architekturvisionen haben etwas subtil Bedrückendes. Ihre
ornamentalen Konstruktionen wirken labyrinthisch und gleichen darin den
rätselhaften Carceri-Zeichnungen von
Giovanni Battista Piranesi (1720-1778). Seine unheimlichen Kerker sind
Orte, in denen der logische Raumzusammenhang halluzinatorisch übersteigert
ist, in denen Holzbrücken auf leere Mauerstücke zulaufen und Treppen ins
Nichts führen. Ebenso wie bei Piranesi sind Alltag und Natur aus Yanagis
Elevator-Räumen verbannt. Selbst in den Arbeiten
Elevator Girl House B4 und der zweiteiligen
Elevator Girl House 1F dienen die Zitate von Natur, die sich
spiegelnde Wasseroberfläche und die in Vitrinen eingeschlossenen Blumen,
der Betonung einer künstlich erzeugten Traumwelt: "Ich träume häufig von
solchen Räumen: Die Frauen, die ich in meinen Arbeiten zeige, sitzen dort
in der Falle; sie können aus den an ihnen vorbeiziehenden Szenen nicht
heraus, diese schrecklichen Posen. Sie alle haben diese Konsumtempel schon
gesehen, diese unterirdischen Einkaufskatakomben, diese Aquarien ohne
Ausgang", so Yanagi in ihrem Text Cities on the move. In
Umkehrung der von Piranesi deklinierten Begriffe von Angst und Schrecken,
die den ästhetischen Kanon bereits früh um die Faszination des Häßlichen
erweitern, erzeugt Yanagi einen Schauer des Schönen, indem sie mit
Perfektion eine Welt simuliert, in der die Übersteigerung von glatten
Oberflächen, genormten Frauen und einer sich selbst potenzierenden
Architektur keinen Himmel über sich und keine Realität außer sich duldet.
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Giovanni Battista Piranesi: Carceri
d'Invenzione, Der runde Turm (2. Zustand), um 1750
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Giovanni Battista Piranesi: Carceri
d'Invenzione, Titelblatt: Erfundene Kerker (2. Zustand), um 1750
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