Nenn mich nicht Stadt Zu den Arbeiten von Franz
Ackermann
Statt den Triumph der
Urbanisierung oder den ‚international lifestyle' nach Art eines modernen
Nomadentums zu feiern, setzt Franz Ackermann auf eine Kritik an der
reibungslosen Zirkulation sämtlicher Hemisphären. Seine 'Mental Maps', für
die er an Stelle der realen Städte seinen Umgang mit dem Leben vor Ort
tagebuchartig zeichnet, sind eine abstrakt und zugleich extrem
diszipliniert ins Bild gesetzte Selbst-Orientierung. Harald Fricke
hat den Künstler in seinem Berliner Atelier besucht.

Franz Ackermann: Nenn mich nicht Stadt, Studioansicht, 2003 ©Franz
Ackermann, Mit freundlicher Genehmigung von neugeriemschneider, Berlin
Es war ein langer Weg. Mittlerweile gibt es unzählige Chronologien, die den
Fortschritt von den Entdeckungsreisen
Alexander von Humboldts bis zur immer vollständigeren Erschließung der
Welt festgehalten haben. Aber kann man diese ‚Tour d'horizon' durch die
Zeit auch zeichnen? Wie lässt sich darstellen, was für Veränderungen einst
ferne Städte mit magischen Namen wie Singapur, Bangkok oder Ulan-Bator in
ihrer Metropolenwerdung durchlaufen haben? Und was für ein Bild kann man
sich von der Faszination südamerikanischer Dschungel und afrikanischer
Steppen noch machen, da sie doch längst medienwirksam für abgehalfterte
Prominente in
Survivor-Serien auf RTL als Spielwiese dienen? Ein Künstler, der sich
vor jedem Adventure-Trend auf endlose Trips rund um den Erdball begeben
hat, ist der in Berlin lebende Maler und Zeichner
Franz Ackermann. Was er aus den entlegensten Winkeln und aus dem Chaos der
Großstädte an eigenen Kartografien mitgebracht hat, hängt heute in
internationalen Museen und Sammlungen wie der der Deutschen Bank.

Franz Ackermann: themroc, 2001
©Franz Ackermann, Sammlung Deutsche Bank
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Besucht man den 1963 geborenen Ackermann in seinem
Lichtenberger Atelier, das wie in einem Niemandsland am südöstlichen Rand
der Berliner City auf einem Gelände der Deutschen Bahn AG liegt, dann
kommt das Gespräch schnell auf das Unbehagen an der Globalisierung. Dabei
ist Ackermann kein Nostalgiker, dem durch die rasante Ausbreitung von
Informationen, Handel, Entertainment und Kommunikation die Welt zu sehr
zum Dorf geworden ist. Eher schon nimmt er den weiterhin existierenden
Widerspruch - einerseits überall Zugang zu den Datenströmen zu haben und
dennoch immer stärker mit lokalen Eigenheiten konfrontiert zu sein - als
eine Grundlage seiner Arbeit. Schließlich kommt er selbst aus dem kleinen
bayerischen Ort Neumarkt St. Veit und hat sich seit einem
DAAD-Stipendium für Hongkong 1990/91 über die vergangenen 15 Jahre als
kultureller Globetrotter überaus erfolgreich im Kunstbetrieb bewegt: 2002
war er im Deutschen Pavillon der
Biennale in Sao Paolo vertreten; letztes Jahr konnte man seine Malerei in
Venedig oder als Installation mit einem Stahlgitter unter dem Titel
Nenn mich nicht Stadt bei der Mammutschau
Berlin/Moskau sehen; und erst im vergangenen Herbst hat er für eine
Ausstellung in Athen ein
monumentales, 46 Meter langes Wandbild fertiggestellt. "Wenn ich mich
morgen mit jemandem in Bangkok verabreden will, kenne ich mich dort nach
bisher 16 Aufenthalten besser aus als in Berlin", so lautet Ackermanns
Resümmee nach zehn Jahren on the road. Doch diese Weltläufigkeit wird bei
Ackermann immer wieder durch die künstlerische Praxis ausgebremst.

Franz Ackermann: Birthday, 2003 © Franz Ackermann,
Mit freundlicher Genehmigung von neugeriemschneider, Berlin
Statt den Triumph der Verstädterung oder den ‚international lifestyle' nach
Art eines modernen Nomadentums zu feiern, setzt der Künstler unablässig
auf eine Kritik an der reibungslosen Zirkulation sämtlicher Hemisphären.
Dann sind Peking oder Bangkok in seinen Zeichnungen, auf die der Künstler
trotz der malerischen Großproduktionen nach Art von Birthday
(2003) stets zurückgreift, eben auch Monstren aus zerklüfteten
Straßenfluchten, planlosem Siedlungsbau und wenigen Grünflächen. Kennen
gelernt hat Ackermann die asiatischen Metropolen nämlich nicht erst beim
kulturellen Austausch oder als Gast eines Museums, sondern als
Rucksacktourist irgendwann in den frühen neunziger Jahren. Damals entstand
sein Konzept der Mental Maps, für die er an Stelle der realen
Städte seinen Umgang mit dem Leben vor Ort tagebuchartig zeichnet. So
findet sich selbst in der Ferne Anschluss: Zwischen Hier und Dort ist die
Verbindung, die er mit seinen persönlichen Stadtplänen schafft, zunächst
nichts weiter als ein Strich auf einem weißen Blatt Papier.
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