Franz Ackermann: Ohne Titel (Mental
Mapno.54, beauties with kitchen), 1994 © Franz Ackermann, Sammlung
Deutsche Bank
Tatsächlich reagiert Ackermann
auf die vorgebliche Unübersichtlichkeit moderner Stadträume mit einer, wie
er sagt, "vergleichenden Topografie". Es gibt keine Hierarchien, die das
Allover aus Gebäuden, farbigen Flashs und blockartig gesetzten
Architekturen ordnen könnten. Darin ist Ackermann jedoch alles andere als
ein naiver Tourist, der die Sehenswürdigkeiten bestaunt; ihm geht es um
einen Bezug zur sozialen Realität, der jeder ausgesetzt ist - egal an
welchem Ort der Welt. Trotzdem wurden seine skizzenhaften Erkundungen im
Ungefähren zum Symbol einer allgemeinen Rastlosigkeit, mit der in den
Neunzigern zumindest die Kunstwelt von Biennale zu Biennale in Bewegung
blieb. Es passte überhaupt zur Vorstellung einer Welt auf Draht, deren
permanente Mobilität sich auch im Wirtschaftsleben mit provisorisch
eingerichteten Konferenzräumen auf Flughäfen spiegelte.Dass man dabei am
Ende immer mehr einem Hamster im Laufrad ähnelt, ist für Ackermann ein
Paradox, das sich in seiner Arbeitweise niedergeschlagen hat: "Die Idee
vom Büro am Strand, das hat nie funktioniert. Das Einzige, was ich bei
alledem gelernt habe, ist die Tatsache, dass man ständig handlungsbereit
sein muss. Dann wird eben das Hotel zum Atelier, dann wird die Ablage
neben dem Bett zum Zeichentisch. Im Grunde bin ich vor allem eins - nicht
zu Hause, und das überall auf der Welt."

Franz Ackermann: Permanent Departure, 2003 © Franz Ackermann,
Mit freundlicher Genehmigung von neugeriemschneider, Berlin
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Erst die Ereignisse vom 11. September haben der
Verfügbarkeit von Zeit und Raum wieder Grenzen gesetzt. Für Ackermann war
die Katastrophe ein dramatischer Einschnitt, plötzlich zeigte sich, dass
immer noch um Territorien gekämpft wird, was im Taumel der Globalisierung
längst aus dem Blick geraten zu sein schien. Die Bedrohung hat sich bei
Ackermann bis in die Suche nach Sujets ausgewirkt, immer häufiger tragen
neue Mental Maps Titel wie just more riots oder incredible terrible
beautiful. Es wäre aber falsch, wollte man die Gefahr vor allem in der
Unwägbarkeit aktueller politischer Auseinandersetzungen verorten. Ein
Zyklus mit Zeichnungen und Gemälden, den er im Sommer 2003 im Kunstmuseum
Wolfsburg ausgestellt hat, hieß nicht von ungefähr Naherholungsgebiet.
Freizeit findet hier ihr Pendant in aggressiv aufgewühlten
Tuschelandschaften, in denen Helikopter und Hochhäuser sich vom Rand der
Zeichenblätter her wie ein Kragen um eine weiße Leerstelle auf dem Papier
legen. Dann wieder drängt sich alles in der Mitte zusammen, bildet
unförmige Knoten, aus denen einzelne Farbfäden lappen, als wäre der
imaginäre Ort der Begierde ein herausgetrenntes Herz.

Franz Ackermann: Ohne Titel (golf), 1993
©Franz Ackermann, Sammlung Deutsche Bank
Der
Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie rückt näher, das ist die
Kartografie der Krise, für die Zeichnungen wie permanent departure
oder clever shopping einstehen. An Stelle der früher noch romantischen
Idee, auf Reisen im Labyrinth eines veränderten Alltags aufzugehen, nimmt
Ackermann jetzt viel mehr die Veränderungen wahr, die sich aus der
angespannten Weltlage ergeben: "Seit dem 11. September spricht kein Mensch
noch von der Lust an ferner Exotik, Wellness direkt vor Ort ist gefragt."
Gleichwohl ist der Rest einer Sehnsucht verschwunden, das Andere mit den
eigenen Erwartungen zu koppeln: Diese Enttäuschung ist bei ihm auch eine
Nebenwirkung der Globalisierung, da sich "die Parks und Shopping-Malls von
Hongkong bis Südafrika immer weiter einander angleichen". Dafür aber
braucht es, so Ackermann, keine spezifische Ikonografie, die irgendwelche
Eigenheiten hervorholt, denn "in der Angleichung ist alles dasselbe
abstrakte Material". In einem Punkt jedoch hat sich Ackermanns Neugierde
nicht gelegt. Während er früher tagelang mit dem Flugzeug auf Reisen war,
immer ein entfernteres Ziel vor Augen, so ist er jetzt selbst auf kurzen
Strecken ein aufmerksamer Beobachter geworden. Wenn er mit dem Fahrrad von
seiner Wohnung ins Atelier fährt, nimmt er Berlin als Ansammlung von
Schrebergärten und verödeter Brachflächen wahr, die sich rings um die Ufer
der Spree erstrecken. Die Stadt wuchert in beide Richtungen - weiter ins
urbane Chaos und postindustriell zurück zur Terra Incognita.
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