Franz Ackermann: Ohne Titel (mental map:
nearest coast airport), 1994,
©Franz Ackermann, Sammlung Deutsche Bank
Dann aber fällt es immer schwerer, sich in den nervösen Mustern,
Linienfolgen und getuschten Flächen zurecht zu finden. Beim ersten
Betrachten mag man die kleinformatigen Aquarelle und Gouachen für Studien
halten, als Ausgangspunkte des noch zu ordnenden Materials. Auf keiner der
in den vergangenen zehn Jahren entstandenen Mental Maps erkennt man jedoch
konkrete Städte wieder, die Ackermann zuvor bereist hat. Stets scheint das
in roten oder braunen Schlängelspuren wuchernde Straßennetz zu zerfasern,
überlagern sich die sonst auf Karten fein säuberlich erfassten Wohn- und
Industriebereiche, wirken die getuschten Gebäudekomplexe oder anfangs als
variable Leerstellen eingeklebten Pflasterstreifen wie radikal subjektive
Zeichen. Dahinter mag man einen Hang zum expressiven Drama vermuten,
schlimmstenfalls das Klischee eines psychedelisierten El Dorados für
Aussteiger, wie es etwa in dem Film The Beach noch als Stimmung einer
fernöstlichen Metropole suggeriert wird, die dem jungen Leonardo DiCaprio
aufregend fremd erscheint.

Franz Ackermann: Choose Wisely, 2003 © Franz Ackermann,
Mit freundlicher Genehmigung von Sammlung Scharpff
|
Bei Ackermann hingegen ist das fiebrige Chaos kein
Spezial-Effekt zum Beleg eines sich im Rausch der exotischen Großstadt
verlierenden Ichs. Er sieht seine Untersuchungen als urbane Feldforschung,
ohne dafür jedoch nach einer konkreten Übersetzung des städtischen Raums
in die zweidimensionale Fläche des Papiers zu suchen. Von der Sinnenfreude
eines Flaneurs weit entfernt, verliert er sich bei der Darstellung nicht
in Details und überlässt sich nicht den Ablenkungen unbekannter Orte.
Seine Herangehensweise ist immer touristisch geerdet: Vom Zentrum aus
wandert er die Städte in Kreisen ab, bis sich die Erkundungen nach einiger
Zeit in die Randgebiete ausdehnen. Mit dieser Methode gleicht Ackermann
einem beharrlichen
Strukturalisten, wenn er in einer Projektbeschreibung seine Erfahrungen
bei der Arbeit notiert: "Es interessiert mich dabei die Fragestellung, in
wieweit sich heute noch Wirklichkeit aneignen und transformieren lässt
(z.B. in ein Kunstwerk), ohne vorhandene, hochkomplexe
Gestaltungsmechanismen auszuklammern, bzw. zu negieren. So sind in allen
Städten, die ich besuchte, die Errungenschaften der Moderne vor mir
angekommen - und geblieben, was wohl dazu führte, sich in der Ferne
manchmal heimischer zu fühlen als Zuhause."

Franz Ackermann: Mental Map (clever shopping), 2002 © Franz Ackermann,
Mit freundlicher Genehmigung von Sammlung Harald Falckenberg, Hamburg
Vielleicht ist das verwirrende Geflecht seiner Zeichnungen dennoch Zeugnis
einer unterschwelligen Melancholie - das Ich ist auch auf Reisen kein
anderer, sondern ein Ich, das sich durch das Andere erkennt. Dann gibt es
eben selbst in Bangkok, Lagos oder Los Angeles nichts festzuhalten außer
der Flüchtigkeit der Eindrücke, die in der Erinnerung diffuse Spuren
hinterlassen. Deshalb braucht Ackermann auch zwischen dem Zauber noch so
fremder Metropolen und dem daheim entstandenen Blatt Hoch über Bad
Reichenhall keinen Unterschied zu machen. Hier eine graubraune Schlucht
umgeben von einem Knäuel aus weißen Feldern, dort ein verschlungenes
Adernetz auf dunkelrotem Grund: Die Mental Maps sind eine abstrakt und
zugleich extrem diszipliniert ins Bild gesetzte Selbst-Orientierung, ohne
Legende.
[1]
[2]
[3]
|