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"Weg mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer"
Das Motto der Künstlerin Pipilotti Rist ist das bezeichnendste Merkmal der
heutigen Kunst in einer auch wirtschaftlich engmaschig mit der Welt
vernetzten Schweiz: Weniger als unter einer eidgenössischen Perspektive
positioniert sie sich im internationalen Kontext. Einen Blick auf die
Schweizer Künstler in der Sammlung Deutsche Bank wirft Andre
Rogger.
Als der Waadtländer
Künstler
Ben Vautier 1992 auf der Weltausstellung in Sevilla ein Gemälde im
Schweizer Pavillon präsentierte, dessen Aufschrift besagte, dass die
Schweiz gar nicht existiere -
"La Suisse n'existe pas" - ließ diese Selbstverleugnung viele
Ausstellungsbesucher ratlos den Kopf schütteln. Doch auch in der Heimat
des Malers schaukelten sich Spekulationen gegenseitig hoch, was "Ben"
mit dieser Provokation denn gemeint haben könnte, und was anderes dieser
Pavillon in Andalusien nun eigentlich repräsentiere, wenn nicht die
Schweiz. Obwohl seither patriotische Aufsatzbände erschienen sind, die
das ureigene Wesen der Schweiz in ihrer immer größeren kulturellen
Vielfalt, ihren vier offiziellen Landessprachen und einer historisch
gewachsenen Politik des Dezentralismus gerade bestätigt sahen, ist Ben
Vautiers Frage nach Inhalt und Charakter des Schweizerischen nur zu
berechtigt. So hat etwa der 1848 gegründete schweizerische Bundesstaat
die Kulturförderung nie als eine Aufgabe von nationaler Bedeutung
angesehen. Ein staatliche Impulse setzendes, dem Einfluss der Politik
offen stehendes "Kultusministerium", das nicht nur für große
Nationalstaaten wie Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland,
sondern auch für kleine Länder wie Österreich zu den
Selbstverständlichkeiten ihres Staatsapparates gehört, hat die
föderalistisch strukturierte Schweiz nie gehabt. Die Pflege der Kultur
wird primär als eine Sache der einzelnen Regionen, Kantone und, nicht
zuletzt, als Privatsache angesehen.

Max Bill: Ohne Titel, aus "Künstler gegen die Folter", 1993,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Dies bedeutet nun aber nicht, dass nicht eine Menge Kunst in der Schweiz zu
finden wäre: Allein elf kantonale Hochschulen für Gestaltung und
Bildende Künste sorgen dafür, dass die Kreativität unter den sieben
Millionen Einwohnern des Landes nicht versiege. Das politische
Subsidiariätsprinzip im Kulturbereich - also das Delegieren der
entsprechenden Aufgaben von oben nach unten, vom Bundesstaat zu den
Kantonen und von dort weiter an Gemeinden und Private - dürfte jedoch
erklären, warum auch Künstlerinnen und Künstler sich primär als einer
bestimmten Region zugehörig oder als Teil eines globalen Kunstnetzwerks,
denn als "schweizerische" Kunstschaffende verstehen. Diese Heterogenität
spiegelt auch die reichhaltige Sammlung zeitgenössischer Schweizer Kunst
wider, welche die Deutsche Bank an ihrem Sitz in Genf, Lugano und
Zürich, aber auch am Hauptsitz in Frankfurt, zeigt. Weniger als einem
Phantom nationaler Einzigartigkeit nachzujagen gilt es also, sich auf
individuelle Positionen einzulassen und nach Querverbindungen zu suchen.
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Max Bill: Kontinuität, 1986,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Als eine von ganz wenigen Leitfiguren einer "Schweizer Kunst", die nationale
Identität nach innen wie nach außen vermittelten, muss jedoch
Max Bill (1908 Winterthur - 1994 Berlin) angesehen werden - ein Künstler,
der ja auch in der Sammlung der Deutschen Bank eine Schlüsselposition
einnimmt. Sie hat dem hauptsächlich in Zürich tätigen Bildhauer und
Kunstgrafiker, der 1951-56 jedoch ebenso der Hochschule für Gestaltung
in Ulm als Rektor vorstand, den vielleicht prominentesten Platz in ihrer
Sammlung überhaupt zugewiesen: Im öffentlichen Plaza-Bereich vor die
Zwillingstürme der Frankfurter Zentrale platziert, empfängt Max Bills
Granit-Monolith Kontinuität (1982-86) hier alle Mitarbeiter
und die Besucher der Deutschen Bank. Die 4,5 m hohe Skulptur ist eines
der letzten Werke des "Grand Old Man" der Schweizer Kunst und bringt ein
Thema zur Vollendung, welches Bill seit den frühen dreißiger Jahren
ausgelotet hatte: Künstlerische Variationen der nach dem deutschen
Mathematiker
August Möbius (1790-1868) benannten
Möbius-Schleife. Dieses einmal gedrehte und anschließend (nahtlos)
zusammengefügte "Möbius"-Band, welches durch die Verdrehung eine
kontinuierliche, höchst verwirrliche "Einflächigkeit" gewinnt, hatte
Bill seit seiner Lehrzeit am Dessauer Bauhaus beschäftigt. In Frankfurt
findet es - durch eine vorstellungsmäßig höchst anspruchsvolle, doppelte
Windung des Endlosbandes - zu seiner letzten Konkretion. Die Skulptur
zieht damit die komplexe Summe aus einem mathematisch inspirierten
Thema, mit dessen fast obsessiver Durchführung Bill eine ganze
Generation schweizerischer Künstler geprägt hat.

Gottfried Honegger: Ohne Titel, 1969,
Sammlung Deutsche Bank, © Gottfried Honegger
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