Miwa Yanagi: Yuka, My Grandmother-Series,
2001 ©Miwa Yanagi
Das ist Soziologie, nichts Aufregendes also. Aufregend ist die Bewegung
unserer Augen. Es ist der zwischen Bild und Text immer wieder hin und
her wandernde Blick. Miwa Yanagi, deren Fotos alle eine schwer zu
erklärende Ruhe ausstrahlen - selbst Großmutter Yuka,
die im Beiwagen eines Motorrades mit aufgerissenem Mund und wehenden
roten Haaren über eine Brücke rast - gelingt es, dem Betrachter seine
eigenen Bewegungen, das leichte Hinüberneigen des Halses, die kaum
merklichen Adjustierungen seiner Pupillen, mit denen er zum Beispiel den
im Zimmer der Domina laufenden Pornofilm scharf zu stellen versucht, so
deutlich zu machen, dass sie Teile ihrer Arbeit werden.

Miwa Yanagi: Elevator Girl House 1F (left)
Elevator Girl House 1F (right) ©Miwa
Yanagi
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Miwa Yanagi: Elevator Girl House 1F (left)
Elevator Girl House 1F (right) ©Miwa
Yanagi
Das Sexuelle wird in fast allen Fotos von Miwa Yanagi
betont. Sie zeigt kaum Pornografisches, aber ein zentrales Motiv ihrer
Arbeit ist die Geschlechterrolle. Ihre berühmten
Fahrstuhlmädchen stellen sie ebenso deutlich aus wie die
priesterähnlich kostümierten jungen Frauen, die sich vor einer Treppe um
ein Stadtmodell lagern. Die Uniformierung ist wichtig. Sie belegt die
Austauschbarkeit. Es geht nicht um die eine oder die andere. Es geht
darum, dass sie alle reizend sind. Die entblößten Oberschenkel der einen
sind zwar ihre Oberschenkel, aber es ist klar, dass alle anderen über
ebenso schöne verfügen. In Wahrheit freilich verfügen - so spricht das
Foto - nicht sie, sondern wir, die Betrachter. Die Fotografin macht -
ganz konventionell - nicht gemeinsame Sache mit dem Modell, sondern mit
dem Betrachter.
Das ist das eigentlich Sexuelle an den Fotos von
Miwa Yanagi. Sie begehren, was sie zeigen, und sie zeigen, was sie
begehrenswert machen und gemacht haben. Die Fotos der Miwa Yanagi sind
Fotos von Fotos. Sie reflektieren auf unsere von Fotos geprägten Blicke.
Während sie uns verführen, führen sie sie uns vor. Sie tun das mit Lust
und fast wichtiger noch: mit Witz.
Arno Widmann war
Mitbegründer der taz, Textchef bei der Vogue,
Feuilletonchef der Zeit und ist heute leitender Redakteur der
Berliner Zeitung.
Eine Ausstellung der Werke von Miwa
Yanagi präsentiert ab Ende Januar 2004 das
Deutsche Guggenheim Berlin.
Ein Interview von Mako Wakasa mit Miwa
Yanagi finden Sie
hier.
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