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Allein im stillen Fluss: Naoya Hatakeyama
Ihn interessiert, was konstruktiv und stofflich ist: Der Fotograf Naoya
Hatakeyama ist der systematische Gegenpol von "Lust und Leere" – ein
Empiriker, aber auch ein betörender Kolorist. In der Sammlung Deutsche
Bank ist der Künstler bereits seit einigen Jahren vertreten: Seine
neunteilige Fluss-Serie hängt im Boardroom der Deutschen Bank in
Tokio. Von Ulf Erdmann Ziegler.
Alle einflussreichen
japanischen Fotografen nach 1945, von
Shomei Tomatsu (
Bilder) bis
Nobuyoshi Araki, haben sich in irgendeiner Weise abgearbeitet am
Machtverlust des Kaiserreichs und dem ungeheuren Einfluss des Westens
auf die japanische Gesellschaft. Dies war gleichzeitig die visuelle und
intellektuelle Brücke zum westlichen Publikum, das sich in den
vergangenen dreißig Jahren in der japanischen Fotografie be- und
verfremdet wiederfand.
Naoya Hatakeyama, Jahrgang 1958, gehört nicht mehr zu den Fotografen und
Künstlern, die in diesem Konfliktfeld groß geworden sind. Sein Werk
handelt möglicherweise sehr wohl vom "Japanischen", aber es gibt darin
einen Zug ins Universelle. Seine Werkgruppen sind von höchst
eigensinniger Gestalt, kommen mit einem Minimum von Bildern aus, und
wiegen den Betrachter durch ihre visuelle Ruhe und Festigkeit in der
Illusion, es gehe um unverrückbare Dinge.

Naoya Hatakeyama: River-Series, 1993-96, Sammlung Deutsche Bank ©Naoya
Hatakeyama, Courtesey L.A. Galerie - Lothar Albrecht, Frankfurt
Mit einem Schlag bekannt gemacht hat ihn die neunteilige Fluss-Serie (River
Series). Sie hängt heute im Boardroom der Deutschen Bank Tokio an
den Mauern zwischen den Fenstern. Es sind Bilder, die nicht wirklich
Flüsse zeigen, sondern betonierte Kanäle, die
Hatakeyama wie dunkle Spiegel unter die Stadtlandschaft Tokios geschoben
hat. Im Abendlicht wirkt die Stadt solide und festlich – Mailand,
Stockholm, Amsterdam? – und ihre urbane Suggestion wird übersteigert
durch das gebrochene Spiegelbild im leicht bewegten Wasser des Kanals.
Aber die Serie handelt nicht, wie man meinen könnte, von einer Idylle.
Denn das Spiegelbild, sanft und irrlichternd, steht für die
hochorganisierte, brachiale, stinkende Metropole. Wie konkret die
Opposition ist – zwischen der benutzbaren Hälfte und der benutzten –
deutet der Fotograf an durch einen scharfen Schnitt, der die
Nachtkulisse und ihre Spiegelung so makellos trennt, dass man zunächst
glaubt, zwei quadratische Fotografien zu sehen. Man hält das Hochformat
mit seinen zwei Elementen für eine Montage. Diese Augentäuschung, sobald
sie als solche erkannt ist, führt den Betrachter zu dem, was Hatakeyama
beschäftigt und umtreibt.
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Dass Hatakeyamas
Bilder in Deutschland wie selbstverständlich angenommen worden sind, mag
zu tun haben mit der Prägung durch die systematische Arbeit der
Bechers auf der einen und die piktorial-bombastische Fotografie der
Becherschüler auf der anderen Seite. Hatakeyama ist nämlich sowohl ein
Empiriker als auch ein betörender Kolorist. Ein drittes Element seiner
Arbeit ist eine bestimmte Neugier, was die Rolle des Fotografen in der
Vermittlung von Erkenntnis betrifft.

Naoya Hatakeyama: Underground / River (Tunnel-Series), 1999
©Naoya Hatakeyama, Courtesey L.A. Galerie - Lothar Albrecht, Frankfurt
In konsequenter Verlängerung seiner Beschäftigung mit den betonierten Kanälen
Tokios hat Hatakeyama sich vorgearbeitet in die gänzlich verborgene,
stockdunkle Unterwelt der
Abwasserkanäle. Der Fotograf hat einen Halogenscheinwerfer
mitgebracht, mit dem er mürbe Betondecken anstrahlt. Das Licht ist so
gesetzt, dass der melodramatisch ausgeleuchtete Bogen sich im Abwasser
spiegelt.
Von dunklen Störfeldern zerfressen (man denkt an
Kratzer und Retuschen auf alten Glasnegativen), sind die Spiegelungen
aber keineswegs Traumbilder, wie in den Fotografien der River Series
. Durch ein dunkles Umfeld in die Ferne gerückt – also als Vignette – , sieht
das verdoppelte Lichtfeld aus wie die Bühne eines grausamen Spektakels
mit ihrem Orchestergraben, in dem gleich die Ratten aufspielen werden.
In der Tat zeigen die folgenden Bilder der Serie, visuell nun eher Film als
Theater, fliehende Ratten, fliegende Fledermäuse, verirrte Fische und
schwirrende Insekten. Unzufrieden mit den Trophäen seiner Jagd, richtet
sich der Fotograf in einer dritten Mutation seines Sujets ein in der
schleimigen, blubbernden, kristallinen Unterwelt, wo rote Wolken von
halbzersetztem Unrat sich in behutsamer Aufsicht darstellen wie eine
Prärie, vom Flugzeug ausgesehen. Die Nähe zur Fotografie der
"Naturwunder" ist ohne Zweifel, bei aller Bosheit, beabsichtigt.

Naoya Hatakeyama: Lime Works
(Factory-Series), 1991-94
©Naoya Hatakeyama, Courtesey L.A. Galerie - Lothar Albrecht, Frankfurt
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