Some liked it Pop
Die turbulenten, aufrührerischen Untertöne der Pop Art: Nicht nur die
Ablösung vom Abstrakten Expressionismus war umstritten. Cheryl
Kaplan über die verborgenen Flügelkämpfe innerhalb der amerikanischen
Kunstszene der sechziger Jahre, den Aufbruch zur Konzeptkunst und die
Rolle, die Artschwagers eigenwillige Ideen und Arbeiten dabei spielen
sollten.
Vielleicht bedurfte es einer Kultur der Freizeit und
Unterhaltung, um den Würgegriff zu lockern, mit dem
Abstraktion die Kunst in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren
umklammert hielt. Sowohl in England als auch in den USA waren die Lager
gespalten. Auf der einen Seite standen diejenigen, die die etablierten
Abgrenzungen der Kunstgeschichte mit ihrem Leben verteidigt hätten, auf
der anderen Seite fanden sich diejenigen, die es wagten, eine Schneise in
festgefahrene Kategorien zu schlagen, wobei sie auch vor den ganz Großen
nicht Halt machten: der Massenkultur, dem Alltag und dem Konsumenten der
damit beschäftigt ist einzukaufen.
Was würde aus der sich
auftuenden Kluft zwischen
Abstraktem Expressionismus und
Pop Art Neues entstehen? Wie der Kritiker und Kurator Lawrence Alloway in
seinem Essay für die bedeutende Ausstellung im
Whitney Museum, American Pop Art von 1974, bemerkte, stellte sich
"Pop Art als eine Kunst entwicklungsfähiger Ideen" heraus. Alloway, der
erstmalig den Begriff "Pop Art" als Direktor des Londoner
Institute of Contemporary Arts im Winter 1957 ins Leben rief, schrieb, Pop
Art sollte zur Beschreibung von Formen der Massenkommunikation dienen,
allerdings nicht ausschließlich visueller.

American Pop Art, Whitney Museum of American Art, New York, 1974
Weiterhin räumte er ein, dass Pop Art "eine Kunst sei, die Zeichen und
Zeichensysteme zum Gegenstand hat." Kritiker, die diese Äußerung wörtlich
nahmen, deuteten das häufig als die Auseinandersetzung mit Plakaten oder
Beschilderungen, vielleicht als eine etwas gewagtere Spielart der Kunst
eines
Stuart Davis, von dem Alloway sagte, er "sei als Kubist zu Besuch im
Supermarkt."
Roy Lichtensteins Verwendung von Comic Strips oder
Andy Warhols Bezugnahme auf Verpackungen sind die häufig zitierten
Merkmale dessen, wofür Pop Art schließlich in der ganzen Welt stehen
sollte.

Roy Lichtenstein, Emeralds, 1961 ©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Während also ein Lager die Kunst als "Prozess" verteidigte, gab es auf der
anderen Seite die Gruppe von Künstlern der "American Pop Art" – wie Andy
Warhol,
Jasper Johns, Roy Lichtenstein,
Jim Dine,
James Rosenquist,
Claes Oldenburg,
Edward Ruscha und
Richard Artschwager. Sie wussten, dass die Flügelkämpfe zwischen den
Haltungen "Kunst als System" und "Kunst als Prozess" letztendlich ein
reines Ablenkungsmanöver waren. Der Streit verzögerte lediglich die
öffentliche Auseinandersetzung mit neuen Technologien und Informationen,
die im Zeitalter der Massenproduktion nur darauf warteten, gedeutet zu
werden.

Claes Oldenburg, Notebook Page: Sketch for a Poster for the One-Man-Show at
the Dwan Gallery - Building in the Form of a Sitting Dog, 1963
©Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen, New York Sammlung Deutsche
Bank
Die Trennung von "prozessualer Kunst"
und Kunst, die als "System" verstanden wird, findet ihren Ursprung in zwei
entgegengesetzten Weisen der Kunstproduktion: Als "Prozess" begriffen
gründet sich Kunst auf der emotionalen Reaktion, wobei Materialien und
Techniken dazu eingesetzt werden, sich dem Gegenstand zu nähern und ihn
sinnlich erfahrbar zu machen. Hierbei ist es das gefühlsmäßige Verhältnis
des Künstlers zur Welt und den Dingen, welches sein Werk prägt. Für die
"systematisch" ausgerichtete Kunst bildeten die Massenkultur und neue
Produktionstechnologien den Ausgangspunkt für eine neue visuelle Sprache,
die die Alltagswelt mit einem breiten Publikum in Zusammenhang brachte.
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Jasper Johns,Three Flags, 1958 ©VG
Bild-Kunst, Bonn 2003
Auch wenn er anfänglich
eher aufgrund seines Stils als aufgrund seines inhaltlichen Ansatzes von
der Kritik wahrgenommen wurde, geht Roy Lichtensteins Verwendung von Comic
Strip Elementen und Rasterpunkten weit über eine einfache Nachahmung von
Zeitungsdruck, Images und Herstellungsprozessen der Massenmedien hinaus.
Seine Gemälde kommentieren und unterwandern zugleich jene Technologien,
die ihre Grundlage bilden. Das Konzept des "Systematischen" steht im
krassen Gegensatz zum Konzept des "Prozessualen". Es verzichtet auf
Metaphern und wendet sich viel unmittelbarer der Alltags- und Massenkultur
zu.
Die Auseinandersetzung zwischen "System" und "Prozess" ist in
der Kunstwelt über lange Zeit immer wieder aufgeflackert, und sie tut es
wahrscheinlich heute noch. In der Annahme, die "Pop-Künstler" würden mehr
oder weniger eine geschlossene Fraktion repräsentieren, wurden allerdings
mehrere Streitpunkte immer wieder übersehen: Ganz besonders die
grundlegende Diskrepanz zwischen den Werken in der von Lawrence Alloway
kuratierten Schau und die völlig unterschiedlichen Perspektiven
zukünftigen Denkens und Schaffens, die sie entwarfen. Die Urteile, die
über die Pop Art gefällt wurden, erscheinen im Rückblick nicht nur
provinziell, sondern auch eigennützig. Ganz gleich wie sie nun verstanden
wurde, der Siegeszug der Pop Art als Kunstbewegung vollzog sich mit so
großer Geschwindigkeit und solch einer öffentlichen Resonanz, dass dies
die bestehenden Unterschiede zwischen den einzelnen Künstlern zunehmend
verwischte.

Joe Goode, Staircase, 1970 ©Joe Goode, Marina Del Rey
Der Blick, den wir heute – fast dreißig Jahre nach ihrer gleichzeitigen Geburt
in Amerika und England – auf sie zurückwerfen können, verbindet sich mit
einem Vorteil: Wir haben die Möglichkeit, auch jene turbulenten,
aufrührerischen Untertöne der Pop Art zu beachten, über die bislang nur
selten gesprochen wurde. Lässt man einmal die abgedroschenen Argumente zum
rechtmäßigen Platz der Abstraktion in der Geschichte der Kunst beiseite
und auch die Anschuldigung, Pop Art sei ein Schwindel, dann ist es
vielleicht möglich zu erkennen, wie sie zur Konzeptkunst überleitete, und
warum für diese Künstler die Beziehung zur Massenkultur so wichtig war.
Tatsächlich sagte Ed Ruscha: " Ich glaube, dass die sogenannten Konzept-
Künstler auf gewisse Weise auch Pop-Künstler sind."

Edward Ruscha, Noise, 1963 ©Ed Ruscha, Beverly Hills
Dass Richard Artschwager in Lawrence Alloways Ausstellung der American Pop
Art aufgenommen wurde, stellt eine bedeutsame Abweichung von der
scheinbar so homogenen Geschichte dar, die noch immer gerne erzählt wird –
sei dies nun aus der Perspektive des alten Kampfes zwischen "Pop" und
"Abstraktion" oder in der vereinfachten Version einer Pop-Bewegung, in der
kaum unterschiedliche Positionen existieren. Artschwager passte sich nicht
nahtlos in das Thema und die Verpackung der Ausstellung ein und wurde so,
gemeinsam mit Künstlern wie
Joe Goode,
Tom Wesselmann, Jim Dine oder Edward Ruscha, der Abteilung "Zeichen und
Objekte" zugeordnet – einer Sektion die sich nur schwerlich mit dem Rest
der Ausstellung und dem vereinen ließ, was man in den Siebzigern unter
"Pop Art" verstand.
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