Untitled (Cat´s Eye View), 2000
Sammlung Deutsche Bank ©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Der Augenblick wird zum Stillstand gebracht, alles scheint eine logische Form
zu zu haben, sogar im Zuge äußerster Raserei.
Es gibt
ein Gemälde von
Picasso in der
Tate Modern in London. Auf seine Art ist das Bild ruiniert. Wir sind dort
zusammen mit dem Ehemann von Annes Freund gewesen, dem australischen
Filmregisseur
Peter Weir, der ein paar große Filme wie
Mosquito Coast gedreht hat. Ich sagte, schaut auf den Rahmen, betrachtet
das Ganze auf einmal. Das ist die gesamte Bildfläche. Das erschließt einem
vieles, alles ist zugänglich. Für mich sind diese Bilder wie Heilmittel.
In allen Texten über Ihre Arbeit ist immer wieder die Rede von Flüchtigkeit,
dass Ihre Arbeit sich Kategorisierungen verweigert - als ob sie
kategorisiert werden müsste.
Da bekomme ich schlechte
Laune.
Ihre Teilnahme an der Ausstellung "American Pop Art" von
Lawrence Alloway im
Whitney 1974 mag dieses Geschwätz gefördert haben. Manche Kritiker
beschäftigen sich noch immer damit, wie Sie mit Skulptur, Malerei,
Zeichnung und Fotografie umgehen. Nach Ihrer Retrospektive im Whitney 1988
schrieb Donald Kuspit, dass Ihre Kunst "in einem exaltierten
Zwischenstadium der eigenen narzisstischen Vorgehensweise schwebt." .
Damit kann ich leben. Wenn man Narzissmus als ein Vehikel versteht, auf die
eigene Intelligenz zu vertrauen -
Ihre Arbeit wird oft als
rätselhaft beschrieben.
Das stimmt ganz und gar nicht. Wir
stehen vor einem Rätsel, wenn man mehr hineinlegt als man herausbekommt.
Wenn man betrogen wird. Da sitzt irgendjemand am längeren Hebel. Ich bin
mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund aufgewachsen. Ich habe die
vorgegebene Kunstgeschichte nie besonders ernstgenommen. Sie ist
scholastisch. Sie widmet dem, was in Wirklichkeit passiert, keinerlei
Aufmerksamkeit, sie ist nicht essentiell. Der Apparat, der das Phänomen
erzeugt, und das Verständnis von Kunst sind identisch.
Es
ist eine Möglichkeit, der Erfahrung mit dem Kunstwerk selbst aus dem Weg
zu gehen.
Man möchte Zusammenhänge schaffen. Das ist der Sinn
und Zweck. Andere Dinge sind ebenso wichtig für mich, warum muss alles
immer so kompliziert sein.

Time Piece, 1989 ©VG Bild-Kunst,
Bonn 2003
Ihre Arbeit hat ständig die
Richtung geändert.
Sie ist ja auch
anfangs von ganz anderen Grundlagen ausgegangen. Was immer dabei als Basis
dienen mag,
Impressionismus,
Postimpressionismus, und alles, was danach kam - das mit dem
Kubismus ist mehr als irreführend.
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Das Werk von
Picasso und Braque, und die Diskussionen zwischen ihnen, das war weitaus
zwingender als die spätere Verpackung, die zu einem programmatischen
Mittel wurde, um Räumlichkeit zu sprengen. Mich interessiert, wie es Ihnen
gelingt, eine extreme Nahaufnahme mit einem weit entfernten Raum und der
physischen Zeit, die man für diese Erfahrung benötigt, aufeinandertreffen
zu lassen. Es handelt sich dabei um eine filmische Methodik. Inwiefern hat
sich dieses Konzept verändert, seitdem Sie zum ersten Mal Formica
(Dekorlaminat) verwendet haben, wobei Sie sich die bildhafte Eigenschaft
der Holzmaserung als ein auf die Oberfläche laminiertes Bild zunutze
machten, was sowohl wie ein totales Fake als auch super-real wirkte?
Wenn man Collagematerialien einsetzt, und dazu gehört Formica, lässt sich eine
solche Collage sogar hinstellen: sie mag ein wenig wackelig sein, und wenn
das ein Problem ist, baut man eine Kiste und befestigt sie auf dieser
Kiste. Das dabei entstehende mehr als präsente Bild kann zu einer regelre
chten Gratwanderung zwischen flacher und räumlicher Wirkung werden.
 
Chair 1955-2000, 1965-2000 Courtesy Gagosian Gallery New York ©VG
Bild-Kunst, Bonn 2003
Die Skulptur,
Journal II von 1991, hat Ähnlichkeit mit dem Ausrufezeichen in der Ecke:
bei ihr findet sich die laminierte Holzmaserung auf der einen Seite, die
andere ist blau und von hervorstechendem Weiß. Zwei gegenüberliegende
Platten aus Formica sind ineinander verkeilt, scheinen gleichermaßen
zurückzuweichen und hervorzuschießen. Sie verweisen auf echtes Holz,
kokettieren aber auch mit der Realität.
Wenn man sich die
Collagen von Braque anschaut - das ist jetzt 100 Jahre her, aber da gab es
das alles bereits. Ich möchte meine Arbeit nicht heruntermachen, aber ich
habe sicherlich von so manchem, der mir den Weg bereitet hat, profitiert .
Aber Ihre Arbeiten waren und sind immer noch unglaublich zeitgemäß und doch
von einer gewissen Vergänglichkeit.
Meinen Sie das in
einem gesellschaftlichen Sinn?
Ja.
Ich würde nicht
sagen, dass ich mich darum bemüht habe, eher frage ich mich, ob es mich
stört? Ein wenig schon.
Die Vergänglichkeit? Nein,
dass es modisch ist.
Modisch habe ich nicht gemeint - das ist
immer gefährlich, denn das hieße, dass die Arbeiten in gewisser Weise
selbstgefällig wären. Ihre dagegen sind frisch und direkt.
Sie machen sich ganz gut. Das liegt auch am Material, da gibt es keine Patina.

Door, 1987 ©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
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