Sie entwickeln gegensätzliche Zustände, als ob
gleichzeitig Dokumentarisches und Antidokumentarisches entstehen würde.
Meinen Sie mit dem Dokumentarischen eine Erzählung oder ein einzelnes
Standbild aus einer Erzählung?
Ein Standbild, das seine
Informationen oder Desinformationen aus dem realen Leben bezieht, wie das
bei
Edward Hopper der Fall ist, wenn er das Braten von Eiern zeigt oder die
Tragödien, die sich in jeder der kabinenartigen Räume in seinen Gemälden
abspielen, während in Ihrem Werk diese Bezüge eher im Dunkeln liegen oder
zurückgenommen sind, obwohl das Resultat letztlich verstörender wirkt.
Ja. Ich hatte einmal eine dieser Veranstaltungen, bei denen man mit
Hochschulabsolventen diskutiert, Kritik anbietet und irgendetwas zusammen
macht. Wir versammelten uns an einer bestimmten Straßenecke, ich wählte
ein Fenster dieses Gebäudes und konzentrierte die Aufmerksamkeit eines
jeden auf die Dinge, die dort passierten. Ich stieß dabei auf so manche
unbeschwerte Fantasievorstellung.

blp on power plant, New York
Bei den Arbeiten
von Gursky ist das dokumentarische Versprechen von Distanz gekennzeichnet.
Ich würde sagen, dass Gesellschaftskritik keine Rolle spielen sollte.
Würden Sie mir das bitte erläutern?
Alles hat seine
Bedeutung. Das war eine regelrechte Erleuchtung mit Neununddreißig, kurz
bevor ich Vierzig werden sollte, was kann man da machen? Bloß keine Zeit
verschwenden. Ich bin in diesem Laden, stelle Möbel her - ich hatte ein
paar Typen, die dort für mich arbeiteten. Ich konnte ihre Sprache,
Spanisch, und kam ihnen dadurch näher. Das geschah nicht zufällig, es war
sehr bewusst. Die einzige Möglichkeit, wie ich zusätzliche Zeit gewinnen
kann, ist anwesend zu sein, bei allem, was geschieht - anwesend sein.
Ist die Distanz bei Lefrak City oder Apartment House oder
Office Scene -
Wissen Sie, ich finde sie gar nicht so
distanziert.
Sie wirken wie in der Schwebe und beunruhigend -
Da kommen wir auf etwas zurück, worüber wir vorher schon gesprochen haben.
Wenn man alles auf einmal sieht, bilden sich Kategorien. Ja/Nein waren
eine bedeutende Erfindung. Wir haben das erfunden. Ja/Nein impliziert ein
Gefühl für Mengenlehre, das Entstehen von Kommunikation, Zeitgewinn.
Sprache ist eine Verkürzung von allem, was geschieht, aber es wäre
fürchterlich, auf sie verzichten zu müssen. Wie erklären Sie
sich den Wandel von den früheren Zeichnungen zu denen von heute? Die
neuesten Arbeiten besitzen eine geradezu majestätische Qualität.
Oh, vielen Dank. Ich habe gerade eine Reihe von ihnen fertiggestellt. Eine
Zeitlang war alles ziemlich unergiebig - das passiert ab und an. Ich habe
sie in den letzten Tagen nebeneinander hängen gehabt, sie sind wirklich
ziemlich gut. Eine größere Anzahl von ihnen ist kleinformatig. Mindestens
ein halbes Dutzend sind bloß in irgendeiner Form Wiederholungen. Es gibt
da eine Konturzeichnung einer Schulter: des Vorderarms, der Ellbogen wirkt
wie abgeschnitten. Nur das.
Wie in den Zeichnungen von
Ingres, wo er die Hände besonders betont?
Ja, so ähnlich.
Eine allgemeingültige Geste. Als ob ein Einschnitt vorgenommen worden ist.
|
Das ist ungewöhnlich bei Ihren Zeichnungen. Das erinnert
mich eher an Skulptur.
Es gab Zeiten, da
war ich regelrecht unfähig, mich überhaupt mit Skulptur zu beschäftigen -
Alle Arbeiten, die ich in der letzten Woche produziert habe, besitzen eine
gewisse Substanz, wenn es sich dabei vielleicht auch um etwas wie
Pizzateig in einem Ball, der vor- und zurückgeworfen wird, handeln mag -
ein bestimmtes Maß an Integrität, was nicht sehr viel ist. Einige scheinen
eher fließend zu sein, andere wirken eher statisch. Zwangsläufig existiert
dort Schwerkraft, ich will nicht sagen, sie sind abstrakt, sondern bloß
Monaden mit irgendetwas dazwischen.

Untitled (Vista Landscape), 1981
Sammlung Deutsche Bank ©VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Querschnitte?
Seitenansichten!
Renoir fertigte in seinen späteren Jahren lineare Zeichnungen an, eine Art
Reinigungsprozess von seinen früheren Ausschweifungen - in ihnen wird
sichtbar, dass man mit Verfremdungen arbeiten muss. Eine Kontur sollte
andeuten, dass die Dinge vorhersehbar sind. Ich sehe Dinge, die Sie sehen,
und Sie Dinge, die ich sehe. Kunst ist ein sozialer Vorgang. Sie ist eine
Form der Kommunikation. Man lernt viel von Zeichnungen, das gilt
selbstverständlich auch für die Zeichnungen von
da Vinci.
Haben Sie die da
Vinci-Ausstellung im Metropolitan Museum gesehen?
Im Winkel von
45 Grad, man kam einfach nicht näher heran. Aber in der Reproduktion sehen
sie wirklich großartig aus. Vor Jahren habe ich von ihnen viel lernen
können. Aber ich habe auch viel von meiner Mutter gelernt, sie war
wirklich in Ordnung.
Nach ihrem Studium an der
Corcoran School of Art in Washington war sie Künstlerin. Haben Sie die
Zeichnungen von da Vinci für die
Schlacht von Anghieri gesehen -
Die Pferde?
Ja.
Das ist die größte Zeichnung aller Zeiten. Überaus beeindruckend! Ich glaube,
es handelt sich um dieses Blatt, aber es gibt auch noch eine kleinere
Version oder Variante. Der Anblick hat mich regelrecht in Verzweiflung
gestürzt.
Die Zeichnung ist erstaunlich. Das ganze Sterben,
all diese Menschen, die töten. Erschöpfung und Beschleunigung schlagen
gleichzeitig aufeinander ein. Eine stetige Vor- und Rückwärtsbewegung, die
mich durchaus an Ihre Arbeit erinnert. Die Sensibilität von da Vinci ist
der Ihren ähnlich, auch wenn das auf die Art zu zeichnen nicht zutreffen
mag. In welcher Form wird in Ihren jüngsten Zeichnungen und Gemälden
Information angestoßen und vorangetrieben?
Das geschieht
von ganz allein. Man nimmt automatisch Dinge auf, wenn man sich selbst
etwas beibringt, aber man sollte auch ein wenig suchen, diesen Anspruch
muss man haben: man realisiert nicht bloß ein Standbild. Von diesem
Standbild geht man anfangs aus, aber ein Bild bewegt sich nicht.
Bei dem Schlachtenbild da Vincis befindet sich der Betrachter in der Mitte
des Kampfgetümmels.
Oh, ja. Weil er einen ganz nahe
heranholt - und wem ist etwas ähnliches gelungen?
Braque.
[1]
[2]
[3]
[4]
[5]
|