Beruf: Künstlerin
"Ich möchte die festen Grenzen verwischen..." Eine Pionierin der Fotomontage: Hannah Höch
Kaum ein anderes Ausdrucksmittel
wird mit der Dada–Bewegung so assoziiert wie die Fotomontage. Entstanden
aus der Abneigung gegen Kunst und Künstler und als Hinweis auf das Konstruierte
in den eigenen Arbeiten sollte sie in den Augen der Dadaisten die verpönte
bürgerliche Auffassung des "Künstler-Genies" in Frage stellen. Neben der
Malerei und der Zeichnung hat Hannah Höch (1889-1978) diese Technik in
ihrem Werk konsequent angewandt und weiter entwickelt. An der Seite Raoul
Hausmanns wurde sie berühmt - und das obwohl die Berliner Dada–Bewegung
ausschließlich von Männern bestimmt wurde. Im dritten Teil unserer Reihe
"Beruf Künstlerin" erinnert Maria Morais an die Aufbruchstimmung
in der Kunst der zwanziger Jahre.
Ob Raoul
Hausmann oder Hannah
Höch die Fotomontage als künstlerisches Ausdrucksmittel des Dadaismus
entdeckte ist nicht ganz klar. Doch die Erinnerungen an diesen entscheidenden
Moment gestalten sich offenbar recht unterschiedlich. In seinem 1970 abgeschlossenen
Rückblick "Am Anfang war Dada" schrieb Hausmann: "Aber bei Gelegenheit
eines Ferienaufenthaltes an der Ostsee (...) erfand ich die Fotomontage
(...) Es war wie ein Blitz: man könnte – ich sah es augenblicklich – Bilder
machen, ganz und gar aus zerschnittenen Fotos zusammengestellt."

 Hannah Höch, Bürgerliches Brautpaar, Collage, 1919
Im
gemeinsamen Urlaub 1918 in Heidebrink an der Ostsee war beiden der Gedanke
gekommen. 40 Jahre später – die Wege haben sich längst getrennt - erinnert
sich Höch: "Diese systematisch angelegten Arbeiten mit Fotomaterial begann
damit, dass wir in einem Fischerhäuschen an der Ostsee einen uns amüsierenden
Öldruck an der Wand hängen hatten. Dieser zeigte – eingebaut zwischen die
prunkvollen Embleme des Kaiserreichs – fünf stehende Soldaten in fünf verschiedenen
Monturen – aber nur einmal fotografiert -, denen der Kopf des Fischersohnes
fünfmal eingeklebt war. Dieser naiv-kitschige Öldruck zur Erinnerung an
die Soldatenzeit des Sohnes hing in vielen deutschen Stübchen. Er wurde
Hausmann zum Anlass, den Gedanken, mit Fotos etwas einzufangen, weiter
auszuspinnen." Höchs Bescheidenheit überlässt auch im hohen Alter dem ehemaligen
Geliebten neidlos den Ruhm der Erfindung. Ganz anders hingegen Hausmann:
Hannah Höch wird von ihm erst im Zusammenhang mit den befreundeten Dada-Künstlern
George
Grosz, Johannes
Baader und John
Heartfield als gemeinsame Namensfinder für die neue Klebetechnik erwähnt.

 Hannah Höch und Raoul Hausmann auf der Dada-Messe in Berlin, 1920
Kennen gelernt hatten sie sich ein paar Jahre zuvor. Es war Liebe
auf den ersten Blick. Im Frühjahr 1915 waren sie sich zum ersten Mal begegnet.
In einem emphatischen Gedicht, das Hausmann Hannah Höch zum 26. Geburtstag
schenkt, beschreibt er unter dem Titel "Zwei Tage erinnere ich" seine schicksalhafte
Begegnung mit der jungen Studentin am 28. April an der Unterrichtsanstalt
des Kunstgewerbemuseums in Berlin, sowie den gemeinsamen romantischen Ausflug
an den Wannsee im darauf folgenden Juli: "Er ist der Tag, an dem ich das
erste Mal furchtsam, zitternd – aber doch willentlich und wissentlich Deinen
Schoß in meine Hand nahm. An diesen beiden Tagen, so verschieden sind sie,
hängt unser ganzes Schicksal." Hannah Höch ist überglücklich – und ahnungslos.
Schon bald holt sie die Realität ein: Hausmann hatte ihr verheimlicht,
dass er bereits seit langem verheiratet und Vater einer achtjährigen Tochter
ist. Obgleich diese Situation Höch untragbar erscheint, und sie nach dieser
Enthüllung zu ihren Eltern nach Gotha reist, gelingt es Hausmann in unzähligen
Briefen, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Diese turbulente, von ständigen
Auseinandersetzungen und Trennungen begleitete Beziehung sollte jedoch
die künstlerisch fruchtbarsten Jahre im Leben beider Künstler einleiten.
1916 hatte der Schriftsteller Hugo
Ball in Zürich das Cabaret Voltaire als Forum für das von ihm erfundene
Dada gegründet. Zusammen mit der Tänzerin Emmy
Hennings, Tristan
Tzara, Hans
Arp, Marcel
Janco und Richard
Huelsenbeck veranstaltete Ball spektakuläre Dada-Abende. Neu war die
Gesamtheit des Dargebotenen: Mit Tanz, Gesang, Rezitation, Kabarett, Installationen
und Kostümen wurden unterschiedliche Ausdrucksformen miteinander verbunden,
Bekanntes vereinnahmt und mit Radikalität dienstbar gemacht. Die lautstarken,
von atonaler Geräuschmusik und Krach begleiteten Auftritte begeisterten
und verstörten das Publikum gleichermaßen.

 Hans Arp, Constellation, 1922, Collage auf Karton Sammlung Deutsche Bank
Nach dem Krieg entwickelt
sich die Bewegung auch außerhalb der Schweiz weiter. 1918 bringt Huelsenbeck
Dada nach Berlin, wo er den "Club Dada" gründet und maßgeblicher Verfasser
des Dadaistischen Manifests wird. Verschiedene Gruppierungen entstehen.
Eine davon wird von Heartfield, Grosz, Hausmann und Wieland
Herzfelde gebildet und erregt schon bald Aufsehen. 1918 und 1919 werden
die erfolgreichsten Dada-Jahre. Hannah Höch widmet sich in dieser Zeit
intensiv der Fotomontage. Die Arbeiten sind von meisterlicher Perfektion
und ihr Einfluss auf die Berliner Dada-Kunst ist heute unbestritten. Dennoch
gewährt ihr der eingeschworene Männer-Zirkel lediglich seltene Gastauftritte.
Nur einmal ist sie aktiv bei einem "Spektakel" dabei: Am 30. April 1919
nimmt Hannah mit "Topfdeckeln und Kinderknarre" bewaffnet in der Berliner
Galerie I.B. Neumann lautstark lärmend als einzige Frau an einem Dada-Auftritt
teil. Augenfällig wird ihr bildnerisches Talent schließlich anlässlich
der berühmten "Ersten Internationalen Dada-Messe" im Juni 1920, an der
alle Berliner Dadaisten teilnehmen. Neben den bereits genannten Akteuren
finden sich Johannes Baader, der Architekt Mies
van der Rohe, Rudolf
Schlichter und Otto Schmalhausen, genannt OZ.
Hannah Höch zeigt
hier erstmals ihre große Arbeit Schnitt
mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte weimarer Bierbauchkulturepoche
Deutschlands, die heute zu den Inkunabeln des Mediums zählt.
Seit
1916 bereits arbeitet sie im Ullstein Verlag als Entwerferin von Mustervorlagen
für Schnittbögen und Handarbeiten verschiedener Illustrierte und Magazine.
Die Arbeit sichert ihr nicht nur die Existenz. Hier eignet sich Höch auch
die Präzision und den Sinn für das Detail an, die ihre Fotomontage-Arbeiten
auszeichnen. Ihre Bilder offenbaren einen subtilen Blick auf die gesellschaftliche
Verfassung der Zeit. Auch Kritik an der Lage der Frauen geht in sie ein.
In Schnitt mit dem Küchenmesser Dada... fügt Höch neben den ausgeschnittenen
Köpfen von Greta Garbo und Käthe
Kollwitz in die untere rechte Ecke des Bildes eine Europakarte ein,
in der die Länder hervorgehoben sind, in denen das Frauenwahlrecht endlich
eingeführt worden ist.

 George Grosz, Der Agitator, 1920, Tusche auf Bütten Sammlung Deutsche Bank
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Demgegenüber zeichnen sich die Montagen
und Collagen des Dada-Zirkels durch einen offensiven propagandistischen
Ton aus, der sich von Anfang an gegen den "Geist von Weimar" richtet: “Wir
wollen lachen, lachen, und tun, was uns unsere Instinkte heißen. Wir wollen
nicht Demokratie, Liberalität, wir verachten den Kothurn des geistigen
Konsums, (...) wir leben dem Unsicheren, wir wollen nicht Wert und Sinn,
die dem Bourgeois schmeicheln – wir wollen Unwert und Unsinn! Wir empören
uns gegen die Verbindlichkeiten des Potsdam-Weimar (...) Wir wollen alles
selbst schaffen – unsere neue Welt!“, wie Hausmann es in einem seiner zahlreichen
Pamphlete verkündete.

 Kurt Schwitters, Pariser Frühling, 1936 Öl auf Holz Sammlung Deutsche Bank
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 Max Ernst, Ich bin wie eine Eiche..., 1931 Bleistift, Gouache, Frottage u. Collage auf Karton Sammlung Deutsche Bank
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Vielleicht ist es die eigene Neigung zur
verhaltenen Ironie und zu den leisen Tönen, die Höch im Kreis der Berliner
Dadaisten die Rolle der beobachtenden Chronistin zuwies. In jedem Fall
ist es wenig überraschend, dass sie gerade zu Kurt
Schwitters in Hannover eine intensive Freundschaft entwickelte, dessen
Arbeiten, ebenso wie die von Max
Ernst einen großen Einfluss auf ihr Werk ausübten.
Kurt Schwitters'
Ein-Mann-Dada-Bewegung wurde vom Berliner Zirkel eher mit Skepsis aufgenommen.
Seine Auseinandersetzung mit Dada wirkte zu eigenbrötlerisch angesichts
der offenen politischen Propaganda des Dada-Manifests. Als Konsequenz daraus
benannte Schwitters sein künstlerisches Schaffen um und nannte sich fortan
"Merz", nach einem vorgefundenen Zeitungsschnipsel, auf dem ursprünglich
das Wort "Kommerz" zu lesen war. An seinem 1923 begonnenen Merzbau
zur "Kathedrale des erotischen Elends" war Hannah Höch zeitweilig beteiligt.
Sicher konnte sie hier auch ihre Erfahrungen der letzten sieben Jahre und
ihren persönlichen Schmerz einfließen lassen: Hausmann hatte sie ganz unerwartet
verlassen und sich in seine neue Liebe zur Malerin Hedwig Mankiewitz gestürzt.
Wie schwer Höch die Trennung gefallen sein muss, spiegeln Schwitters' Worte
über das Verhältnis der beiden wider: "Wann immer sie ihn braucht, ist
sie für ihn da!"
Es folgen Jahre intensiver Arbeit. Die "Ethnographisches
Museum" betitelte Serie von Fotomontagen entsteht, und zahlreiche Beteiligungen
an Ausstellungen im In- und Ausland folgen, die sie nach Paris und in die
Niederlande führen. Hier lernt sie 1926 auch die holländische Schriftstellerin
Til
Brugmann kennen und lieben. Es ist wohl diese für die Zeitgenossen
skandalöse Beziehung, die ihren Blick für die weiblichen und männlichen
Rollenverteilungen schärft. Die Arbeiten dieser Zeit thematisieren Fragen
nach Identität, Kultur und Subjektivität. Indem sie Rassismus, Sexismus
und Politik in ihren Bildern sprichwörtlich demontiert und dekonstruiert,
legt sie die Diskrepanz zwischen dem herrschenden gesellschaftlichen und
dem individuellen Selbstbild frei.

 Hannah Höch und Til Brugmann, Berlin 1931
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 Hannah Höch Denkmal II: Eitelkeit, Collage, 1926
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1929 stellt Höch ihre Werke
erstmals in einer Einzelausstellung aus und schreibt dazu: ,"Ich möchte
die festen Grenzen verwischen, die wir Menschen, selbstsicher, um alles
uns Erreichbare zu ziehen geneigt sind. Ich male Bilder, mit denen ich
dieses fassbar, anschaulich zu machen suche. Ich will dartun, dass klein
auch groß und groß auch klein ist, nur der Standpunkt, von dem aus wir
urteilen, wird gewechselt und jeder Begriff verliert seine Gültigkeit."
Im selben Jahr kehrt sie mit Til Brugmann nach Berlin zurück. Der Kontakt
zu den ehemaligen Wegbegleitern ist inzwischen abgerissen, doch als Künstlerin
ist sie gefragt wie nie zuvor.

 Hannah Höch, Die Dompteuse, Fotomontage, 1930
Der radikale Einschnitt erfolgt
1933 mit der Machtergreifung durch das Hitler-Regime. Als "Kulturbolschewistin"
diffamiert wird Hannah Höch 1934 mit einem Ausstellungsverbot belegt. Die
Zeit fordert weiter ihren Tribut: 1935 erfolgt die Trennung von Brugmann.
Obgleich sie 1938 den wesentlich jüngeren Pianisten Dr. Kurt Matthies
heiratet, von dem sie 1944 wieder geschieden wird, zieht es Hannah Höch
in die "innere Emigration". Völlig zurückgezogen überlebt sie isoliert
und vergessen in ihrem Haus in Berlin-Heiligensee das Naziregime. Während
sie am Rande des Existenzminimums ausharrt, rettet sie die von ihr gesammelten
Dada-Dokumente und die Arbeiten früherer Künstlerfreunde: in vielen Kisten,
vergraben in ihrem Garten.
In den fünfziger Jahren erlebt der Dadaismus
eine kurze Renaissance. Doch nichts ist mehr wie einst. Hannah Höch vergleicht:
"Trotzdem versuchen wir der Kunst wieder einen Platz zu gewinnen - die
Jugend frei und unabhängig denken zu lehren - die wirklich schrecklich
primitiv und unwissend ist. (...) Die Lage ist heute eine ganz andere als
die nach dem Ersten Weltkrieg es war, wo wir uns, schon vor dem Ende des
Krieges und danach sofort - Ziele steckten, Ziele, die im pazifistischen
Ideengut ihren Boden hatten. Damals setzte doch die mit dem Kriegsende
gewonnene Freiheit bei uns eine mühsam zurückgehaltene große Aktivität
[frei. ...] Nach diesem 2ten Krieg beginnt die Jugend erst jetzt sich von
Lethargie, Stumpfheit, ja, Tücke im besten Fall Verzweiflung zu befreien."
Es sollte noch weitere zwanzig Jahre dauern bis die Zeit für dieses
"Ideengut" wieder reif war. Die umwälzenden gesellschaftlichen Bewegungen
der späten sechziger Jahre muss Hannah Höch mit Befriedigung verfolgt haben.

 Hannah Höch, farbige Komposition (Kopf), 1975 Offsetlithographie auf leichtem Karton Sammlung Deutsche Bank
Obgleich sie 1965 als Mitglied der Berliner
Akademie der Künste aufgenommen wird, bleibt ihr trotz der Wiederentdeckung
ihres Werkes am Lebensende persönlicher Wohlstand versagt.
1978
stirbt Hannah Höch unter bescheidensten Verhältnissen in Berlin.
Ausgewählte Literatur: Karoline Hille, Raoul Hausmann und Hannah Höch - Eine Berliner Dada-Geschichte, Rowolt Verlag, Berlin 2000.
Jula Dech/Ellen Maurer (Hrsg.), Da-da zwischen Reden zu Hannah Höch, Orlanda Frauenverlag, Berlin 1991.
Bildnachweis:
Abb. 1 und 7-9: Jula Dech/Ellen Maurer (Hrsg.), Da-da zwischen Reden zu Hannah Höch, Berlin 1991.
Abb. 2: Karoline Hille, Raoul Hausmann und Hannah Höch - Eine Berliner Dada-Geschichte, Berlin 2000.
Abb. 3-6 und 10: Archiv der Sammlung Deutsche Bank.
© Berlinische Galerie, Berlin
© VG Bild-Kunst, Bonn
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