Beruf: Künstlerin
"Oft denke ich daran, wie einsam du geblieben
bist... " Malerin des "Blauen Reiters" und langjährige Gefährtin
Kandinskys: Gabriele Münter (1877-1962)
Sie waren eines der
berühmtesten Künstlerpaare des zwanzigsten Jahrhunderts: Wassily Kandinsky
und seine ehemalige Schülerin Gabriele Münter. "Dürfte man die Tatsachen
tief genug ausschöpfen, ergebe sich ein ergreifender Roman", schrieb Münters
späterer Lebensgefährte Johannes Eichner über ihre Beziehung mit Kandinsky.
Im zweiten Teil unserer Reihe "Beruf Künstlerin" stellen wir nach einer
Malerin der "verschollenen Generation" (Elfriede Lohse-Wächtler) nun eine
der bedeutendsten Vertreterinnen der klassischen deutschen Moderne aus
der Sammlung Deutsche Bank vor. Mit der Legende der Malerin verknüpft sich
auch ein Ort im bayerischen Voralpenland – Murnau ist eine der Geburtstätten
der deutschen Moderne und zugleich der Alterssitz, an dem Münter die Kunstwerke
ihres einstigen Geliebten vor der Welt verbarg.

 Gabriele Münter beim Malen in Kochel, 1902

 Gabriele Münter, Schürzen, 1914 Sammlung Deutsche Bank © VG Bild-Kunst, Bonn 2002
Im Januar
1957, fünf Jahre vor ihrem Tod, schreibt die beinahe achtzigjährige Gabriele
Münter die Erinnerung an ein Bild nieder, das ihr besonders wichtig
war. Das 1908 entstandene Gemälde Der blaue Berg, dessen große Ausführung
inzwischen verschollen ist, verbindet sich für die greise Künstlerin mit
einem besonderen Erlebnis: "Jawlensky war auf der Kohlhuber Landstraße
zurückgeblieben u. malte- ich war noch weiter gegangen bis ich ein Stück
rechts ab zu Löb nach oben abbog. Da sah ich von oben das Gasthaus Berggeist
liegen u. wie der Weg aufsteigt u. dahinter den blauen Berg und rote Abendwölkchen
am Himmel. Ich schrieb das Bild, das sich mir bot, schnell hin. Dann war
es mir wie ein Erwachen u. ich hatte das Gefühl, als wenn ich ein Vogel
wäre, der sein Lied gesungen hat. Ich habe nicht von dieser Empfindung
gesprochen, wie ich überhaupt nicht viel schwatze. Aber die Erinnerung
behielt ich für mich. Und jetzt, nach so viel Jahren erzähle ich es..."

 Gabriele Münter, Allee vor Berg, 1909 Sammlung Deutsche Bank © VG Bild-Kunst, Bonn 2002
Nach so vielen Jahren: Gleich den Kulissen einer Seelenlandschaft
erheben sich die Gipfel der Alpen über dem Murnauer Moos, so wie
es das "Fräulein Münter" 1910, beinahe ein halbes Jahrhundert zuvor, in
Öl festgehalten hatte. Bäume, Wolken und Berge reduzieren sich im Gemälde
auf kantig geometrische Grundformen, und wie der Himmel und die Wiesen
erstrahlen sie in künstlich leuchtenden Farben: giftgrün, gelb, violett.
Im Jahr zuvor kaufte sie auf Drängen Wassily
Kandinskys das neuerbaute Haus im bayerischen Murnau - mit Blick nach
Osten, über die Talsenke auf den Ort und den Kirchhügel. Gemeinsam mit
ihm, Alexej
von Jawlensky und Marianne
von Werefkin arbeitet die Künstlerin während der Sommermonate in Murnau
und führt, ganz im Geiste der vom Primitivismus faszinierten Avantgarde,
ein einfaches Leben, bestellt den Garten oder stattet das Haus mit eigenen
Malereien, religiöser Volkskunst und regionalem Kunsthandwerk aus. So untrennbar
der Mythos der sogenannten "Russenvilla" mit der Gründung der Künstlergruppe
Der Blaue Reiter verbunden ist, so sehr begründet sich der Ruhm dieses
Ortes auf der außergewöhnlichen Beziehung, die Münter und Kandinsky in
der Kunst wie im Leben verband.

 Das Haus in Murau
"Du bist hoffnungslos als Schüler",
hatte Kandinsky seiner späteren Geliebten bereits im Winter 1901/02, kurz
nach ihrem Eintritt in die Münchner Malklasse der progressiven Phalanx-Gruppe
bestätigt, wo er als Gründungsmitglied unterrichtete, "man kann dir nichts
beibringen. Du kannst nur machen, was in dir selbst gewachsen ist. Du hast
alles von Natur. Was ich für dich tun kann ist, dein Talent zu hüten und
zu pflegen, dass nichts falsches dazukommt."
Wie allen Frauen zu Beginn
des 20.Jahrhunderts war Münter trotz ihrer offensichtlichen künstlerischen
Begabung der Besuch einer staatlichen Hochschule verwehrt. Nach dem Zeichenstudium
an einer Düsseldorfer Privatschule für Damen und einem längerem Aufenthalt
in Amerika ging sie nach Bonn, um kurz darauf ihr Kunststudium in München
fortzusetzen. Während eines Sommeraufenthaltes der Malklasse im bayerischen
Kochel kommt es zu ersten Annäherungen zwischen ihr und dem mit seiner
russischen Cousine Anja verheirateten Kandinsky. Als die Ehefrau des Malers
eintrifft, kommt es zur überstürzten Abreise der Schülerin.

 Wassily Kandinsky, Aquarell mit rotem Fleck, 1911 Sammlung Deutsche Bank © VG Bild-Kunst, Bonn 2002
Er
wurde nie abgeschickt. Und doch offenbart ein im selben Jahr von Münter
verfasster Brief die bereits bestehende Intimität zwischen ihr und Kandinsky.
Aus den Worten Münters spricht eine erstaunlich bürgerliche Sehsucht, bei
der die eigenständige künstlerische Arbeit in den Hintergrund zu treten
scheint: "Meine Idee von Glück ist eine Häuslichkeit so gemütlich u. harmonisch,
wie ich sie eben machen könnte u. ein Mensch der ganz u. immer mir gehörte
– aber – das muss absolut nicht sein – wenn es nicht ist u. ich den Passenden
nicht finde – ich bin auch so sehr zufrieden u. glücklich, ich denke jetzt
auch wieder Freude an der Arbeit zu finden – u. wenn du mir dabei helfen
willst, würde ich mich sehr freuen..."
Während des nächsten Sommeraufenthaltes
der Phalanx- Malklasse im pfälzischen Kallmünz "verlobt" sich Münter 1903
mit ihrem Lehrer, den sie nach monatelangen Trennungen immer wieder trifft.
Von ihm angeregt vertieft sie sich in den Holzschnitt, malt nach eigenen
fotografischen Vorlagen und macht Fortschritte in der pastosen Spachteltechnik,
die Kandinsky seinen Schülern vermittelte. Der durch diese Technik entstehende
"gestückelte" Farbauftrag löste die Gegenstände in nachimpressionistischer
Manier auf und setzte sie in reliefhaften Farbkompositionen neu zusammen.
Münters zwischen 1904 und 1908 entstandenen Bilder, wie beispielsweise
Tunis Vorstadt, Hafen von Rapallo, Allee im Park von Saint
Cloud, dokumentieren das unstete Wanderleben des Paares. Mit einer
Fahrt nach Holland beginnt im Frühsommer 1904 eine jahrelange "gemeinsame
Zeit der Prüfung", auf die Kandinsky gedrängt hatte – fernab von München
und den immer noch sehr starken Bindungen an seine Frau.

 Kandinsky in Murnau, 1910/11
|
|

 Gabriele Münter: Jawlewsky und Werefkin auf der Wiese, 1909 © VG Bild-Kunst, Bonn 2002
|
Auch wenn
das 1909 nach ihrer Rückkehr in Murnau erworbene Haus von Münter und ihrem
Lebensgefährten bis zum ersten Weltkrieg nicht in allen Sommermonaten genutzt
wird, spielt es in der Geschichte der deutschen Moderne eine wichtige Rolle.
Hier vollzieht sich der "große Sprung", den Münters Werk nach eigener Aussage
"nach einer kurzen Zeit der Qual" machte: "zum Fühlen des Inhaltes – zum
Abstrahieren – zum Geben des Extraktes." Als neue Heimat wird Murnau zugleich
zu einem Ort des Aufbruchs für eine Malerei, die von innerer Notwendigkeit,
wahrhaftiger Empfindung und dem "inneren Klang der Dinge" getragen ist,
über den sich Münter und Kandinsky nicht mit Worten verständigen müssen.

 Alexej Jawleswsky und sein Sohn, Marianne von Werefkin, Gabriele Münter in Murnau, 1908/ 09
|
Bereits die gemeinsam in Murnau verbrachten Malwochen im Spätsommer
1908 bedeuten für beide einen Wendepunkt, das persönliche Leben genauso
betreffend wie die künstlerische Entwicklung. Das intensive Licht des Alpenvorlandes,
in dem die Konturen der Landschaft, die klaren flächigen Fassaden der Häuser
hervortreten, trägt zur Befreiung des Sehens bei und lässt die Natur wie
auf Münters Gemälde Allee vor Berg (1909) in expressiven, grafisch
anmutenden Formen erscheinen.
"Immer mehr erfasste ich die Klarheit und
Einfachheit der Welt," schreibt dazu die Künstlerin. "Besonders bei Fön
standen die Berge als kräftiger Abschluss im Bilde, schwarzblau. Dies war
die Farbe, die ich am meisten liebte."
In großem Arbeitseifer produziert
Münter während dieser Zeit gelegentlich bis zu fünf Ölstudien am Tag, nicht
mehr mit dem Spachtel, sondern wie auch Kandinsky mit dem Pinsel. "Die
meisten meiner gelungenen Sachen sind schnell u. korrekturlos entstanden,
wie von selbst", stellt sie im Alter rückblickend fest.

 Gabriele Münter: Kandinsky und Erna Bossi am Tisch, 1912 © VG Bild-Kunst, Bonn 2002
Neben der
inneren Aufbruchstimmung entsteht auch ein Klima des äußeren Austauschs:
1909 gründet sich im Salon der Münchner "Giselisten" Marianne von Werefkin
und Alexej Jawlensky unter dem Vorsitz Wassily Kandinskys "Die
Neue Künstlervereinigung München", zu der neben Münter auch Alfred
Kubin und vorübergehend Karl
Hofer gehören. Bei der ersten Ausstellung der Vereinigung in der Münchner
Galerie Thannhauser ist Gabriele Münter mit der relativ hohen Zahl von
zehn Gemälden und elf Druckgrafiken beteiligt.

 Alfred Kubin, Ungeheuer auf dem Hügel, 1903 Sammlung Deutsche Bank © VG Bild-Kunst, Bonn 2002

 Franz Marc, Tierlegende, 1912 (Ausschnitt) Sammlung Deutsche Bank © Künstler und berechtigte Erben
Die Tournee der
Ausstellung durch ganz Deutschland im folgenden Jahr ist ein großer Erfolg
und macht die Teilnehmer auch über die Landesgrenzen hinaus schnell bekannt.
So kommt es, dass die zweite Ausstellung der Vereinigung 1910 mit erweiterter
internationaler Beteiligung stattfinden kann. Wiederum in der Galerie Thannhauser
finden sich diesmal die Arbeiten von Braque und Picasso.

 Ernst Ludwig Kirchner, Kniende Frauen, 1912 Sammlung Deutsche Bank © Dr. Wolfgang & Ingeborg Henze-Ketterer, Wichtrach/Bern
Am Neujahrestag
1911 kündigt sich dann eine weitere bedeutsame Entwicklung an: Im Salon
der Giselisten lernen Münter und Kandinsky endlich Franz
Marc persönlich kennen, der bereits länger mit der Münchner Künstlervereinigung
in Kontakt steht. Während sich Münter im November mit dem NKVM an der berühmten
VI. Ausstellung der "Neuen Sezession" in Berlin beteiligt, wo auch die
Werke von Kirchner,
Pechstein
und Nolde
zu sehen sind, verschärft sich die Auseinandersetzung zwischen den
gemäßigten und progressiven Kräften in der Münchner Künstlervereinigung.
Als am 2. Dezember die Jury für die 3. Ausstellung der Vereinigung
Kandinskys große Komposition V zurückweist, kommt es zum offenen
Bruch: Kandinsky, Münter und Marc treten aus der Vereinigung aus und gründen
gemeinsam mit dem eilig verständigten Alfred Kubin jene Künstlergruppe,
die als Inbegriff des deutschen Expressionismus zu Weltruhm gelangen sollte:
Der
Blaue Reiter. Zur Gruppe gehört auch August
Macke, den Münter auf einer Rheinlandfahrt im selben Jahr kennen lernte.
"Die Münter hat mir sehr gut getan", schreibt er nach dieser Begegnung
an den gemeinsamen Freund Franz Marc. "Ich denke mir ja Kandinsky so sehr
als den geistigen Anreger auch ihrer Malerei, dass ich mit der Ansicht,
dass sie ganz persönlich arbeitet, genau so wenig übereinstimme, als ich
mich ohne französischen Einfluss denken kann..."
Mit dem Ruhm des
Blauen Reiters mehren sich die Dissonanzen zwischen Münter und Kandinsky,
die sich auch innerhalb der Künstlergruppe bemerkbar machen. Im Frühjahr
1912 wird die Zweite Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter. Schwarz-Weiß
in München eröffnet, die ausschließlich Arbeiten auf Papier präsentiert
und neben Paul Klee nun auch Mitglieder der Brücke, wie Erich Heckel, Ernst
Ludwig Kirchner, Max Pechstein und Emil Nolde, mit einbezieht. Kurz darauf
schreibt Franz Marc an August Macke: "Jetzt ist er schon hina [der Blaue
Reiter]! Viel fehlt wenigstens nimmer. Jedenfalls hat dieses Frauenziefer
auf meine Freunde vom Blauen Reiter bös gespuckt.... Ich könnte dieses
Frauenzimmer direkt kaputtschlagen." Die Ansicht, Münter sei im Umgang
mit Freunden, Galeristen und Sammlern schwierig gewesen, hat sich bis heute
erhalten.

 Erich Heckel, Stehendes Kind - Fränzi, 1910 Sammlung Deutsche Bank © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
|
|

 Erich Heckel, Toter Soldat III (Flandern), 1915 Sammlung Deutsche Bank © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
|
"Leider ergeben die hinterlassenen Briefe Münters und
andere Aufzeichnungen keinen anderen Eindruck, sondern lassen im Gegenteil
eine fast beklemmende Schroffheit und Unverbindlichkeit im Umgang mit anderen
erkennen, gepaart mit Unsicherheit und der Tendenz zur Selbstisolierung",
schreibt Annegret Hoberg im Katalogbeitrag zur großen Münter-Retrospektive,
die das Münchner Lenbachhaus 1992 initiierte. Die Auseinandersetzungen,
der Unmut und die Enttäuschungen in der Beziehung zu Kandinsky führen auch
dazu, dass Münters Arbeitseifer nachlässt. Die Vision eines gemeinsamen
Aufbruchs, die der Malsommer in Murnau einst verhieß, scheint immer mehr
der Erschöpfung zu weichen. "Dieser Tage war ich unruhig und zu nichts
fähig", schreibt Münter 1912 an Kandinsky, "...die Notizen aus Murn. vom
Frühling sind nicht mehr deutlich genug in mir..."

 Gabriele Münter um 1923
|
|

 Gabriele Münter,1952
|
Auch wenn 1913
in der Berliner Sturm Galerie von Herbert Walden Münters bis dahin größte
Einzelausstellung zu sehen ist, steht mit Anbruch des ersten Weltkrieges
beiden Partnern der größte Einschnitt ihres Lebens bevor: Als Münter ihren
russischen Geliebten 1916 zum letzten Mal im schwedischen Exil sieht, liegen
bereits Jahre lähmender Einsamkeit hinter ihr. Während Kandinsky im Februar
desselben Jahres in Moskau die Russin Nina Andrejewskaja heiratet, ohne
Münter dies mitzuteilen, erlebt diese in den zwanziger Jahren eine Phase
tiefster Depressionen. 1931 lässt sie sich mit ihrem neuen Lebengefährten
Johannes Eichner in Murnau nieder, wo sie bis zu ihrem Tod ein zurückgezogenes
Leben führt. Kandinsky sah Murnau niemals wieder und verlor seine Arbeiten
aus der Vorkriegszeit für immer. Münter rettete diesen einmaligen Kunstschatz
im Keller des Murnauer Hauses trotz größter materieller Einschränkungen
über die Zeit des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkrieges.
1957,
an ihrem achtzigsten Geburtstag, stiftete sie ihre Kandinsky-Bilder sowie
eine Vielzahl eigener Werke der städtischen Galerie
im Lenbachhaus in München. Ein Gruß, den Kandinsky ihr 1914 aus Moskau
zukommen ließ, lässt etwas von dem Preis ahnen, den Münter für ihre Beziehung
zu Kandinsky bezahlt hat: "Ich möchte dir helfen und dir Freude machen",
schrieb er ihr nach sechswöchiger Reise. "Oft denke ich daran, wie einsam
du geblieben bist, und es tut mir sehr weh."
Gabriele Münter starb
1962 in Murnau. Sie ist bis heute eine der berühmtesten deutschen Malerinnen.
Oliver Koerner von Gustorf
Die Zitate aus den Briefen
sind dem Band "Wassily Kandinsky und Gabriele Münter in Murnau und Kochel
1902-1914. Briefe und Erinnerungen" von Annegret Hoberg (Prestel Verlag
2000, 159 Seiten, gebunden, 24,95 Euro) entnommen.
Weitere Bücher: Gisela
Kleine: "Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. Biographie eines Paares".
Insel Verlag 1994, 813 Seiten, broschiert, 16 Euro. Stefanie Schröder:
"Im Bann des blauen Reiters. Das Leben der Gabriele Münter". Herder Verlag
2000, 224 Seiten, broschiert, 9,90 Euro |