Und die Giganten überquerten den Atlantik

 Monterrey, Mexico

 Laura Pachero, Ivo Mesquita, Hector Ramos
Mit 150 Arbeiten
aus der Sammlung Deutsche Bank dokumentiert Die Rückkehr der Giganten
den Triumphzug der Heftigen Malerei in Deutschland. Am 25. Oktober startete
die große Tour der Ausstellung durch Lateinamerika im Museo
de Arte Contemporaneo in Monterrey. Im Anschluss reist sie nach Brasilien,
Argentinien und Chile weiter. Als ausgewiesener Kenner der lateinamerikanischen
Kunst verfasste der brasilianische Kurator Ivo Mesquita für den
spanischen Katalog El Regreso de los Gigantes einen Beitrag über
den Einfluss der deutschen Malerei von 1975-1985 auf die Künstler des südamerikanischen
Kontinents. Mesquita war von 1980 bis 1988 als Kurator für die São Paulo
Biennale Stiftung tätig und ist heute Gast-Professor im Center for Curatorial
Studies am Bard College. Ein Auszug seines in Deutschland noch unpublizierten
Artikels Und die Giganten überquerten den Atlantik wird hier erstmals
von db-art.info veröffentlicht.

 Ausstellungsansicht mit Jörg Immendorff "Verwegenheit stiften", 1981
(...) Als sich die Kuratorin
Sheila Leirner für die 18. Biennale in São Paulo 1985 entschieden und radikal
dem Thema der westlichen Malerei seit den siebziger Jahren zuwandte, bezog
sie für ihr Vorhaben nahezu sämtliche Ausstellungsinstitutionen des Landes
mit ein, um so eine schier unüberschaubare Menge an Exponaten in drei Korridoren
von je 120 Meter Länge und 6 Meter Breite präsentieren zu können. Was zu
dieser Zeit als "Die große Leinwand“ der Biennale
von São Paulo bekannt wurde, war eine Zusammenstellung der Gemälde
von mehr als fünfzig Künstlern aus allen Teilen der Welt, Dicht an Dicht
und in alphabetischer Reihenfolge gehängt, mit nur zwanzig Zentimeter Abstand
zwischen den Bildern – gerade genug für ein Etikett zur Identifizierung
der Werke. Die Arbeiten vieler europäischer Künstlern waren zu sehen, darunter
Paula Rêgo, Helmut Middendorf, Enzo Cucchi, Juan Uslé, Hubert Scheibl,
Stefano Di Stasio, J. G. Dokoupil und Marlene Dumas, in direkter Nachbarschaft
zu Arbeiten lateinamerikanischer Künstler wie beispielsweise Pablo Suárez,
Daniel Senise, Sergio Hernández, Gillermo Kuitca, Nuno Ramos, und Angel
Loochkart. Ebenfalls ausgestellt waren japanische Künstler wie Tadanori
Yokoo, Mika Yoshizawa, der Kanadier Oliver Girling sowie ungarische, tschechische,
skandinavische und koreanische Künstler. |
Die Wirkung einer derartigen Anhäufung
von Gemälden in einer Biennale war natürlich enorme; indes ist eine solche
Ausstellung stets als Momentaufnahme des gesamten zeitgenössischen Kunstgeschehens
zu verstehen. Sie enthält sich zwar jeglicher Wertung, weist aber einen
gewissen Mangel an Subtilität sowie eine allgemeine Beliebigkeit auf. (…)
Die
deutsche Beteiligung an dieser Biennale war beachtlich. Neben Middendorf
und Dokoupil waren auch Peter Bömmels, Bernd Koberling, Salomé, Hella Santarossa
und der Bildhauer Albert Hien vertreten. Bedenkt man heute, dass auf dieser
Ausstellung die neue Malerei gefeiert wurde, erscheint die Zusammensetzung
der Gruppe klar.
Mittlerweile als Thema umfangreicher Bibliografien sehr
beliebt, wissen wir, was die deutschen Künstler zur Entwicklung der neuen
Malerei in den siebziger Jahren beigetragen haben. So müsste der Bedeutung
dieses Beitrags zum zeitgenössischen Kunstdiskurs und zur Entstehung eines
postmodernen Bewusstseins eigentlich auch nichts hinzugefügt werden. Gleichzeitig
ist es aber interessant zu sehen, wie diese Gruppe durch ihre Teilnahme
an Biennalen den Höhepunkt eines systematisch gegliederten Programms zur
Einbeziehung der deutschen Malerei in die internationale Kunstszene bildeten.
Wenn man sich die Biografien der Künstler ansieht, die an der Ausstellung
Die Rückkehr der Giganten teilnehmen, stellt man fest, dass sie beinahe
ausnahmslos zwischen den Jahren 1972 und 1986 auf der Biennale
von Venedig und zwischen den Jahren 1975 und 1987 auf der Biennale
von São Paulo vertreten waren. Es soll hier nicht versucht werden, die
Bedeutung dieses Prozesses im internationalen Rahmen zu analysieren. Reduziert
auf das Geschehen in Brasilien sollen vielmehr einige Auswirkungen dieses
Prozesses auf die hiesige künstlerische Produktion untersucht werden, ebenso
wie bestimmte Resonanzen und Entwicklungen, die in der künstlerischen Produktion
der bedeutenden Zentren Lateinamerikas beobachtet werden können, wo der
Einfluss der Giganten nach wie vor spürbar ist.

 Georg Baselitz, Bilder der Serie "Adler", 1977

 Blick in die Ausstellung: A.R. Penck
Die großartigen
Gemälde-Serien von Georg Baselitz und Sigmar Polke wurden in São Paulo
erstmals auf der dreizehnten Biennale 1975 präsentiert. Die Ausstellung,
an der auch Blinky
Palermo teilnahm, tourte anschließend durch die Hauptstädte Lateinamerikas.
Zu einer Zeit, in der das Interesse der internationalen Avantgarde noch
überwiegend den Medien Fotografie, Film und Video galt und die traditionellen
künstlerischen Techniken vernachlässigt wurden, löste diese Ausstellung
Überraschung und großes Unbehagen aus. Zur 17. Biennale im Jahr 1983 wurden
dann die Ausstellungen von A. R. Penck und Markus Lüpertz wichtige Bezugspunkte
für Künstler wie Daniel Senise, Beatriz Milhazes, Nuno Ramos oder für
die Formierung der Casa Sete-Gruppe: Voluminöse Formen und Körperfragmente
bevölkern die nun entstehenden Landschaften, von jeglichen thematischen
Konnotationen entleerte Architekturen und hybride Objekte werden als heroische
Wesen in Szene gesetzt. In düsteren Tönen breiten sie sich über die gesamte
Fläche der Leinwand aus.
Zwei Jahre nach dieser Huldigung an die
Malerei, zur 18. Biennale im Jahr 1987, war es Anselm Kiefer, der zum gefragtesten
und gefeiertsten deutschen Künstler aufstieg. Noch bevor ihn überhaupt
jemand leibhaftig zu Gesicht bekam, hatte er bereits einen immensen Einfluss
auf die jungen Künstler Lateinamerikas. Zahlreiche Arbeiten aus jener Zeit
bringen dies zum Ausdruck: Von derselben Melancholie und denselben maltechnischen
Prozessen geprägt, gelingt es ihnen jedoch nie die Tiefe und Relevanz des
Meisters zu erreichen.(…)
|