Il Ritorno dei Giganti
Mit der Ausstellung
Il Ritorno dei Giganti/ Die Rückkehr der Giganten, die nach ihrem Abschluss
in der Mailänder Fondazione
Antonio Mazzotta ab dem 25.10 2002 in Monterrey/Mexiko ihre Tournee
in Lateinamerika fortsetzen wird, zeigt die Sammlung Deutsche Bank eine
Auswahl von Arbeiten, denen als "Heftige Malerei" zu Beginn der achtziger
Jahre ein spektakulärer Triumphzug in der Kunstwelt gelang (Katalogbestellung hier). Zu sehen sind
rund 150 Arbeiten auf Papier sowie Gemälde der Künstler Elvira Bach, Georg
Baselitz, Walter Dahn, Jirí Georg Dokoupil, Rainer Fetting, Antonius Höckelmann,
Karl Horst Hödicke, Jörg Immendorff, Dieter
Krieg, Markus
Lüpertz, Helmut Middendorf und A.R. Penck.
Die Rückkehr
der Giganten, die sich hier ankündigt, ist in doppelter Hinsicht programmatisch
zu verstehen.

 Rainer Fetting: Van Gogh Gauguin - "Rückkehr der Giganten", 1980 © VG Bild-Kunst, Bonn 2002
Dem gleichnamigen Werk Rainer Fettings entlehnt zitiert der
Titel nicht nur die einstmalige Rückbesinnung auf die Malerei der Vormoderne,
sondern verweist auf den in der Schau inszenierten Auftritt einer Malergeneration,
deren Vertreter inzwischen selbst zu den "Giganten" der jüngeren deutschen
Kunstgeschichte zählen. Als Vertreter der Neuen
Figuration repräsentieren die gezeigten Künstler in Deutschland dabei
eine künstlerische Strömung, die gerade ihren Anfang nahm, als der systematische
Aufbau der Sammlung Deutsche Bank begann. Zwölf Jahre nach dem Mauerfall
ruft Die Rückkehr der Giganten eine Zeit in Erinnerung, in der sich
die Kunst in Deutschland auf intensive Weise mit der Geschichte und den
kulturellen Werten des eigenen Landes auseinander setzte.

 Jörg Immendorff: aus der Serie "Cafe Deutschland" Cafe Deutschland, 1978 © Jörg Immendorff, Düsseldorf
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 Jörg Immendorff: aus der Serie "Cafe Deutschland" Cafe Deutschland, 1978 © Jörg Immendorff, Düsseldorf
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Jörg
Immendorffs Zyklus Café Deutschland steht hierbei für eine individuelle
deutsche Historienmalerei. Anlass zu diesem Werk gab seine Reise nach Ostberlin,
wo er sich mit dem damals noch in Dresden lebenden A.R. Penck traf. Die
daraus resultierende Bilderserie entwirft bewusst ein Gegenbild zu Renato
Guttusos berühmten Café
Greco und wendet sich gegen dessen politisierenden Realismus, der
auf den sozialistischen Realismus der DDR seit den sechziger Jahren einen
starken Einfluss ausübte. Die in der Ausstellung gezeigten Papier-Arbeiten
dienten Immendorff als Vorstudie zu den großformatigen Tafelbildern, die
auf geradezu exemplarische Weise den privaten Ost-West-Konflikt zwischen
den befreundeten Künstlern darstellen. In der Auseinandersetzung mit Penck
werden die zum Teil zwielichtigen Vaterfiguren und Symbole der deutschen
Nation und die ideologisch geprägte Konfrontation zwischen den Machtblöcken
hinterfragt. Hier findet Immendorff den Stoff für seine uneingelösten Träume:
das Brandenburger Tor mit der stürzenden Quadriga, den deutschen Adler
als Alptraum, das mit Eis überdeckte Deutschland, in dem noch die Panzer
des Krieges stecken. Seine Gouache- und Acrylbilder deklinieren ein Vokabular,
in dem sich privates Erleben und politischer Sinngehalt überschneiden.
Immendorffs expressive Bilderrätsel widersetzen sich der eindeutigen Aussage
aber auch der politischen Freund-Feind-Schematisierung.
A.R.
Penck und Georg Baselitz, die in der DDR ihre künstlerische Ausbildung
erhielten, reagierten mit ihren 'subjektiven' Mythologien auf die glatte
Konsumwelt des Wirtschaftswunderlandes BRD. Bereits in den frühen sechziger
Jahren entstand so eine mit Zeichen spielende Bildsprache und eine sich
gegen die Vorherrschaft der abstrakten Kunst gewandte Malweise. Eine radikale
Abkehr von der als übermäßig intellektualisiert empfundenen konzeptuellen
und Minimal-Kunst vollzieht sich jedoch erst Anfang der achtziger Jahre
mit den Auftritten der Jungen
Wilden.
Mit ihrer subjektiv begründeten Gegenständlichkeit stellten
sich diese Künstler mit heftigen Gesten den eingespielten Konventionen
des Kunstbetriebs entgegen. So unterliefen die Ausstellungen der Kölner
Künstlergruppe Mühlheimer Freiheit, der Walter
Dahn, Peter Bömmels (hierzu ein Interview
in der db-art.info 1) und Jirí Georg Dokoupil angehörten, die Erwartungen
des Publikums: Ihre Arbeiten stapelten sich bis an die Decke und wurden
direkt auf die Wand geheftet oder gelehnt. Die mit der Punkbewegung in
der Musikszene längst vollzogene Umwertung aller Werte griff auf die Kunst
über. |
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 Jiri Georg Dokoupil: o.T., 1984 © VG Bild-Kunst, Bonn 2002
In Berlin fanden sich gleichgesinnte Akteure: Mit einer1980
im Berliner Haus am Waldsee gezeigten Ausstellung, an der Rainer Fetting,
Helmut
Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer teilnahmen, fiel erstmals der Ausdruck
"Heftige Malerei". Die Selbsthilfegalerie der Künstler am Moritzplatz in
Kreuzberg, wie auch Salomés Punkband Geile
Tiere, erlangten rasch Kultstatus und wurden zum festen Bestandteil
der Berliner Szene.
Die Vertreter der Heftigen Malerei griffen
sowohl auf den klassischen Brücke-Expressionismus und Oskar Kokoschka wie
auch auf das figurative Oeuvre ihrer "Lehrer" zurück. Ohne den Einfluss
von Baselitz, Höckelmann, Hödicke, Krieg oder Lüpertz wäre dieser Bruch
mit den Konventionen nicht denkbar gewesen.

 Karl Host Hödicke: o.T., 1979 © VG Bild-Kunst, Bonn 2002
Aus dem engen Kontakt zur Musikszene
resultierten gemeinsame Projekte. Das 1978 in Berlin eröffnete SO36 wurde
mit seinen Punk und New-Wave Konzerten zur Begegnungsstätte der jungen
Berliner Kunstszene. Martin Kippenberger übernahm 1979 für ein Jahr die
Geschäftsführung. Neben Musikauftritten wurden nun auch Ausstellungen veranstaltet,
in denen unter anderen Elvira Bach ihre Badewannenbilder präsentierte.
Ihre unmittelbare Umgebung darin in zeichenhafte Chiffren verwandelnd,
dient ihr das Badezimmer als intimer Ausgangspunkt für die Introspektion.
Aus diesen Selbstdarstellungen entwickelt sie später ihre dominierenden
und in dieser Ausstellung präsentierten Frauenfiguren.

 Elvira Bach: Nacht unter Palmen,1983 © VG Bild-Kunst, Bonn 2002
So ironisch
und subversiv die Heftige Malerei auch agierte: Zwanzig Jahre später dokumentiert
Die Rückkehr der Giganten einen Umstand, der heute nachdenklich
stimmt. Neben Elvira Bach zählt Ina Barfuß zu den wenigen Künstlerinnen,
die in den Malerzirkel der "Giganten" Einlass fanden.
Maria Morais
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