Sadie Coles im Interview

 Sadie Coles
Bekannt war sie bereits, als sie noch für den prominenten Kunsthändler Anthony D' Offay arbeitete. Doch spätestens seit der Eröffnung von Sadie Coles HQ 1997 in der Londoner Heddon Street, gilt die britische Galeristin Sadie Coles selbst als Star der internationalen Kunstszene. Neben jungen britischen Künstlern wie Sarah Lucas zeigt Coles vor allem aktuelle amerikanische Kunst und organisiert jeden Sommer sogenannte "Gallery Swaps", bei denen sie ihr Programm mit jeweils einer wichtigen Galerie eines anderen Landes austauscht Seit zwei Jahren berät Coles als Expertin für internationale junge Kunst die Sammlung Deutsche Bank bei ihren Ankäufen. db-art-info hat Sadie Coles in Berlin getroffen und sie gefragt, was sich eigentlich hinter den geschlossenen Türen einer Auswahlsitzung des Sammlungskuratoriums in Frankfurt so abspielt.
Lassen Sie uns mit Ihrer Galerie
beginnen: Wie würden Sie Ihr Programm beschreiben?
Es ist
international. Als ich die Galerie eröffnete, habe ich das Programm ganz bewusst so
zusammengestellt, dass es eher ein internationales als ein britisches Profil
entwickeln sollte, und das spiegelt auch die Auswahl der Künstler wider: von Richard Prince
über Sarah
Lucas bis zu Urs Fischer.
Wie haben Sie die Kuratoren von der
Deutschen Bank, Ariane Grigoteit, Friedhelm Hütte und Britta Färber,
kennengelernt?
Sie waren auf der Suche nach einem neuen
internationalen Berater und sahen sich eine Menge Galerien an. Sie kamen nach
London und besuchten vielleicht zehn Galerien an einem Tag. Dann riefen sie an
und fragten mich, ob sie vorbeikommen und sich mit mir treffen könnten. Ich
wußte aber wirklich nicht, worum es eigentlich ging . Sie kamen einfach vorbei
und baten mich, etwas über mein Programm und die Künstler zu erzählen, die ich
vertrete. Ich zeigte ihnen also eine ganze Menge Material, Dias, Kataloge und
andere Sachen – und dann, am Ende des Treffens… Wir haben jedenfalls ziemlich
viel gelacht!! Am nächsten Tag riefen sie dann an und sagten, sie hätten gerne
meine Unterstützung bei der Erweiterung der Sammlung.
Warum glauben Sie, dass sie gerade mit
Ihnen zusammenarbeiten wollten?
Vielleicht mochten sie meine Witze
(lacht). Ich denke mal, sie wollten jemanden, der nicht zu regional arbeitet,
jemand, der sich viele Sachen ansieht, und das auf internationaler Ebene– nicht
nur von britischen Künstlern, sondern auch europäischen, asiatischen und
amerikanischen. Das gilt vor allem für meine Kontakte zu Künstlern der
amerikanischen Westküste. Die Kuratoren der Deutschen Bank wussten, dass ich
eine Menge in den Staaten gemacht hatte, besonders in Los Angeles. Das fanden
sie interessant. Sie mochten die breite Auswahl von Künstlern, die bei mir
ausstellen. Ein Grund dafür, dass die Wahl auf mich fiel, kann vielleicht auch
gewesen sein, dass die Bank gerade mit dem großen amerikanischen Bankers Trust
fusioniert hatte. Vielleicht wollten sie ihre Sammlung speziell im Hinblick auf
amerikanische Kunst ausweiten. Sie wußten, dass ich auf diesem Gebiet gut
informiert bin, und dass ich Kontakte zu anderen internationalen Galerien habe.
Es war ja ganz klar, dass sie eine unglaubliche Sammlung deutscher Kunst haben
und auf diesem Gebiet bestimmt keinen Experten mehr brauchten.
Wie kam
es eigentlich zu Ihrer Verbindung mit der amerikanischen Kunstszene?
Ich habe einfach sehr viel Zeit damit verbracht, mir sowohl in New
York als auch in Los Angeles Kunst anzuschauen. New York und L.A. sind sehr
verschieden und bringen deshalb auch sehr verschiedene Künstler hervor. Als ich
die Galerie aufmachte war da eine ganze Generation von Leuten versammelt, deren
Arbeiten in London nicht gezeigt wurden: John Currin,
Elizabeth
Peyton, Keith
Edmier, Laura
Owens und viele andere.
Sehen Sie, wenn Sie die Szenen von L. A.
und London vergleichen, gemeinsame künstlerische Ansätze, und was sind,
anderseits, die Unterschiede?
Die Ähnlichkeiten resultieren aus dem
überragenden Einfluss der Kunsthochschulen, aus einem relativ neuen Kunstmarkt
und daraus, dass Museen und Kunsthochschulen die Szene stärker dominieren als
der Kunstmarkt. Die Unterschiede sind, dass London natürlich über eine bessere
Infrastruktur für einen internationalen Kunstmarkt verfügt, aber auch, dass es
hier eine längere Geschichte des Kunsthandels gibt. Er ist weiter entwickelt,
kann aber auch härter und rücksichtsloser sein. Mieten, Räume und Materialien
sind in L.A. billiger, weshalb es dort auch auffällt, dass Künstler mit
ambitionierteren Projekten beschäftigt sind. Außerdem gibt es in L.A. diese
großartige Tradition, dass auch bekannte Künstler weiter unterrichten: Charlie Ray, John Baldessari und Mike Kelley zum Beispiel. Das ist für junge Studenten
natürlich eine tolle Sache. In London kann man eigentlich nicht von so einer
Situation sprechen – Damien
Hirst und Co. unterrichten nicht.
Wenn Sie heute an die Anfänge
Ihrer Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank zurückdenken, was war damals Ihr
erster Eindruck von der Sammlung? Haben Sie eine besondere Affinität zur Malerei
der deutschen Moderne?
Nein, nicht unbedingt. Aber ich muß sagen,
dass ich damals, als ich mir die Zwillingstürme in Frankfurt zum ersten Mal
ansah, gedacht habe, dass die Sammlung wirklich über einen unglaublich
beeindruckenden Bestand von deutschen Arbeiten aus den frühen sechziger Jahren
verfügt. Ihr Umfang und die Konzentration auf Papierarbeiten sind sehr
überzeugend und haben dazu beigetragen, die Sammlung unverwechselbar zu machen.
Das Engagement der Bank seit den fünfziger Jahren ist erstaunlich, und gerade
dieser lange Atem in Verbindung mit dem Umstand, dass der Ankauf
Kunsthistorikern überlassen wurde und nicht von der Genehmigung durch den
Vorstands abhängig ist, hat der Sammlung zu ihrer Qualität verholfen. Ich glaube
eigentlich nicht an besondere nationale Zuordnungen, aber ich mag die deutsche
Malerei aus den Sechzigern wegen ihrer mutigen Auseinandersetzung mit dem für
die Nachkriegszeit so wichtigen Verhältnis zwischen der eigenen Kunstszene und
der amerikanischen Pop-Art.
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Außerdem gefällt mir der Einfluss, den die
Fotografie auf die deutsche Kunst dieser Zeit gehabt hat. Die Sammlung besitzt
da ein paar unglaubliche Sachen, zum Beispiel eine ganz frühe Serie von Polke-Zeichnungen. Außerdem gibt es eine ganze Menge von
Arbeiten aus der deutschen Malerei der achtziger Jahre. Unmengen von Dokoupil und all diesen Leuten…
Würden Sie sagen,
dass Sie eine besondere Vorliebe für diese Periode der deutschen Malerei haben?
Also, wenn Sie mich gefragt hätten, bevor ich nach Frankfurt gefahren
bin, hätte ich sicherlich mit “Nein” geantwortet. Doch als ich mir dann einige
dieser Papierarbeiten ansah, gefielen sie mir wirklich gut. Einige der Arbeiten
von den Malern aus dieser Zeit sind wirklich herausragend.
Das heißt,
Sie können mit der grundlegenden Struktur dieser Sammlung leben?
Auf
jeden Fall. Und mir gefällt, dass die Kuratoren sehr darum bemüht sind, jüngere
Kunst zu erwerben. Sie wollen wirklich möglichst früh mit einem Künstler
anfangen. Und sie behalten seine Arbeiten auch langfristig im Auge. Wenn sie
einmal etwas von einem Künstler gekauft haben, ist es für sie ganz
selbstverständlich, sich auch noch zwei Jahre später Arbeiten von ihm
anzugucken. Ich denke, dass dies der Grund ist, warum diese Sammlung so gut ist.
Wie ich schon sagte: Sie haben ganz frühe Arbeiten von Polke und haben im Laufe
der Jahre noch andere Arbeiten von ihm als Ergänzung dazu erworben. Mir gefällt
auch die Tatsache, dass Leute Tag für Tag mit dieser Sammlung leben. So
verrottet sie nicht in irgendeinem Lager.
Was halten Sie von dem
Konzept, Kunst am Arbeitsplatz auszustellen?
Genau soviel wie davon,
sie an irgendeinem anderen Ort auszustellen. Kunst regt an und weckt auch das
Interesse ganz normaler Menschen. In Bezug auf die Sammlung konnte ich
feststellen, dass die meisten Angestellten, mit denen ich in den Zwillingstürmen
in Frankfurt gesprochen habe, sich des Engagements der Bank für zeitgenössische
Kunst sehr wohl bewußt waren, und dass sie auch stolz darauf sind. Ich glaube,
dass die Leute umso mehr Interesse für Kunst entwickeln, je mehr sie von ihr
umgeben sind. Irgendwann begeistern sie sich wirklich dafür und kriegen mit,
dass die Sammlung ständig wächst.
Gibt es Meinungsverschiedenheiten
bezüglich der Auswahl der angekauften Arbeiten?
Da die Kunst in den
Büros der Bank hängt, darf sie weder sexuell oder religiös, noch politisch
Anstoß erregen – was bedeutet, dass einige großartige Sachen nicht in die
Sammlung gelangen. Auch erlaubt das Budget nicht, größere retrospektive Ankäufe
zu tätigen, welche die Lücken füllen würden, zum Beispiel durch den Ankauf
wichtiger Arbeiten der amerikanischen Pop-Art, Arbeiten von Warhol, Johns
oder Rauschenberg etwa, die man parallel zu den deutschen Malern
der sechziger Jahren zeigen könnte.
Gibt es gemeinsame Vorstellungen
darüber, was man ankaufen sollte, oder müssen Sie für Ihre Vorstellungen auch
kämpfen?
Ja, das kommt schon vor. Zunächst ist da dieses Prozedere
der Vorauswahl, wo wir Dias ansehen und die Kuratoren der Deutschen Bank sagen:
"Solche Arbeiten interessieren uns". Anschließend trage ich entsprechendes
Material zusammen und sie sagen, was ihnen gefällt. Doch dann kommt dieses eine
Treffen. Der Tag, an dem wir die ausgewählten Arbeiten nach Frankfurt bringen. Dort treffe ich auch Bärbel Grässlin, eine bekannte Frankfurter Galeristin, die die Deutsche Bank schon seit einigen Jahren bei ihren Auswahlsitzungen berät, und mit der ich aus diesem Anlass zusammenarbeite.
Es gibt dann eine Art Podiumssituation, wo die Leute von der Bank, Bärbel
Grässlin und ich die Sachen präsentieren und über alles diskutieren. Natürlich
kommt eine ziemlich erhitzte Debatte auf, in der ich dann auch schon mal sage
(schreit hysterisch): "Sie müssen das haben!" Manchmal wollen sie es nicht
haben, weil ihnen die Arbeit des betreffenden Künstlers nicht bekannt ist, oder
ich habe möglicherweise auch nicht genügend von ihm präsentiert, und sie müssen
mehr sehen. Und dann komme ich ein Jahr später zurück und zeige ihnen wieder
etwas anderes von dem Künstler und sie erinnern sich dann an die Arbeit vom
letzten Jahr.
Haben Sie auch mit den Bankern zu tun?
Ich
habe ausschließlich mit den Kuratoren zu tun. Tatsächlich ist das der
Unterschied zwischen dieser und den Sammlungen anderer Unternehmen, bei denen
man in der Regel mit der Geschäftsleitung zu tun hat. In diesem Fall
beschäftigen sie drei Kunsthistoriker, die sich zwar an einen bestimmten Etat
halten müssen, aber ansonsten in ihren Entscheidungen vollkommen frei sind, was
schon ziemlich ungewöhnlich ist.
Welche Art von Zukunftsperspektive
sehen Sie für die Sammlung, jetzt, da Geschäfte zunehmend virtuell getätigt
werden?
Das ist der Grund, weshalb die Kuratoren der Bank angefangen
haben, über eine Erweiterung des Ausstellungskonzeptes nachzudenken. So ist zum
Beispiel die Kooperation mit der Guggenheim Foundation sehr wichtig, weil man
mit dem Deutsche Guggenheim in Berlin die Möglichkeit hat, Ausstellungen zu
organisieren und sie in einem Museum zu präsentieren, anstatt sich auf den
Arbeitsplatz in der Bank zu beschränken. In Edinburgh haben die britischen
Kuratoren der Bank mit der Scottish National Gallery zusammen gearbeitet. Ich
glaube, dass dies ganz deutlich der Weg ist, den die Kuratoren der Bank
einschlagen werden. Sie werden Partnerschaften mit Institutionen initiieren,
mehr publizieren und die Sammlung raus in die Öffentlichkeit bringen.
Wie hat Ihre Auswahl von Arbeiten die Erscheinung der Sammlung
Deutsche Bank beeinflußt?
Ich präsentiere den Kuratoren jüngere und
internationalere Arbeiten. Und ich stelle ihnen mehr figurative und textbezogene
Kunst vor.
Welche jungen Künstler sind Ihrer Meinung nach besonders
vielversprechend?
Salla Tykka, Dirk Bell, Lucy McKenzie, JP Munro, Kai Althoff, Urs Fischer, Wilhelm
Sasnal; und aus Großbritannien Nigel Cooke, Daniel Sinsel, Jim Lambie, Don Brown, Victoria Morton und Mark
Leckey. Aber ich könnte immer weiter Namen aufzählen, weil es da draußen
einfach eine Menge wirklich guter Kunst gibt.
Das Gespräch führte Oliver Koerner von Gustorf
Übersetzung: Christian
v. d. Goltz/ Oliver Koerner von Gustorf |