Gerhard Richter in der Sammlung Deutsche Bank

 Faust, 1980, Öl auf Leinwand (dreiteilig)
1982 wurde
sein monumentales, dreiteiliges Gemälde Faust (1980) angekauft, 1989
war eine Ausstellungstournee dem umfangreichen Bestand von Werken des Künstlers
in der Sammlung Deutsche Bank gewidmet. Erst vor wenigen Jahren wurde die
Präsentation seiner Zeichnungen und Aquarelle in Winterthur und Dresden
sowie das begleitende Werkverzeichnis maßgeblich von der Kulturstiftung
der Bank gefördert. Über zwei Jahrzehnte hat die Arbeit von Gerhard Richter
in der Sammlung Deutsche Bank eine herausragende Stellung eingenommen.
Nach der großen Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art (jetzt
im San Francisco MoMA
zu sehen) zeigt das Deutsche Guggenheim in Berlin zur Zeit Richters neueste
Arbeit Acht Grau.
Aus diesem Anlass stellt db-art.info einige Arbeiten Richters aus der Sammlung Deutsche Bank vor.

 Telephon 30.9.1990, Graphit auf Papier © Deutsche Guggenheim Berlin
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 Bleistiftspitzer 30.9.1990, Graphit auf Papier © Deutsche Guggenheim Berlin
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 Zettelbox 27.9.1990, Graphit auf Papier © Deutsche Guggenheim Berlin
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Im
Laufe von fast vierzig Jahren führte Gerhard Richter kein Verzeichnis über
seine Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde, Papierarbeiten und Fotografien.
Die Tatsache, dass er diesem Teil seiner Produktion anscheinend weniger
Aufmerksamkeit zukommen ließ als seiner Malerei und den Druckgrafiken,
mag als Ausdruck der Geringschätzung gedeutet werden: "Ich pflegte diese
Dinge als zu künstlerisch, als zu typisch abzutun, als den Typus von Dingen,
die Künstler eben machen – schöne Zeichnungen und Aquarelle, eine überholte
Technik, fast so schlimm wie Radierungen und Lithographien."
In dieser
Interview-Passage, die Dieter Schwarz seiner Einleitung des vom Kunstmuseum
Winterthur herausgegebenen Bandes "Richter.
Zeichnungen 1964-1999" vorangestellt hat, klingt Skepsis an – die Zurückhaltung
eines Künstlers, der sich nie als Zeichner verstanden hat und erst seit
Mitte der achtziger Jahre seine ablehnende Haltung zu bestimmten künstlerischen
Techniken revidiert hat. Wie die Ausstellung in Winterthur und die assoziierten
Werkverzeichnisse belegen, ist Richters Verhältnis zur Zeichnung ebenso
zwiespältig wie differenziert: "Die Trennung zwischen Bildern und Zeichnungen
spiegelte sich in Richters Verständnis auch in der Wahl der Motive", schreibt
Schwarz, "von Anfang an schied er zwischen solchen Motiven, die für die
Malerei, und anderen, die für die Zeichnung geeignet waren, und nach eigener
Aussage behielt er diese intuitive Trennung der Vorlagen bis heute bei."
Indem
sich die Sammlung Deutsche Bank auf Richters künstlerische Arbeiten auf
Papier konzentriert, zeigt sie einen eigenständigen Teil seines Schaffen
aus einer vielleicht noch unbekannten Perspektive: So finden sich in der
ihm gewidmeten 28. Etage der Frankfurter Zwillingstürme auch eine Vielzahl
von Zeichnungen, die zusammen mit den Druckgrafiken und Aquarellen das
Spektrum der Praktiken und Positionen dokumentieren, die Richters Werk
seit den Anfängen des von ihm mitbegründeten "Kapitalistischen
Realismus" bestimmt haben.


Die Motive des 1965 entstandenen Gemäldes
Die Kahnfahrt wie auch der im selben Jahr angefertigten Zeichnung
Elektrische Bahn basieren auf jenem Material, das Richter als Vorlagen
für seine Arbeiten nutzte: Zeitungsbilder, Werbungen eigene oder gefundene
Amateuraufnahmen.

 Kahnfahrt, 1965, Öl auf Leinwand

 Elektrische Bahn, 1965, Graphit auf Papier
Der Verzicht auf die subjektive Pinselführung,
der Eindruck einer "unscharfen" Aufnahme, der auf dem Gemälde durch die
verwischende Lasur mit Ölfarbe entsteht, findet in Elektrische Bahn
eine ähnliche Entsprechung: Auch hier erscheint das Motiv in Bewegung.
Doch mehr als im Gemälde treten die Techniken des Verwischens und Überzeichnens
offensichtlich hervor, noch weniger wird auf konventionell atmosphärische
Mittel oder eine Überhöhung des Ausdrucks gebaut. |
Im Vergleich zu Richters
Malerei erscheint die Zeichnung unmittelbarer – als Illustration der Überlegungen,
die den Künstler beschäftigen. So notierte Richter Mitte der sechziger
Jahre: "Ich verwische, um alles gleich zu machen, alles gleich wichtig
und gleich unwichtig. Ich verwische, damit alle Teile etwas ineinander
rücken. Ich wische vielleicht auch das Zuviel an unwichtiger Information
aus." Indem Richter in seinen Zeichnungen und Gemälden jede gestische Zuspitzung
vermeidet, entzieht er dem Betrachter auch die Grundlage für die Deutung
eines Bildgeschehens. Sein Siebdruck Hund (1965) zeigt das verschwommene
Abbild eines deutschen Schäferhundes, und enthält sich trotz des einschlägigen
Motivs jeden wertenden Kommentars.

 Hund, 1965, Siebdruck
Die kühle Distanz, die Richters
monumentale Spiegel dem Besucher von Acht Grau vermitteln, findet
sich auch in den Momentaufnahmen von Ereignissen, Landschaften oder Stilleben,
mit denen Richter die unlösbare Beziehung zwischen Bild und Abbild thematisiert.

 Funken, 1970, Offset
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 Seestück, 1970, Offset
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 Farbfelder, 1974, Offset
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 Besetztes Haus, 1990, Offset
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Schärfe und Unschärfe, Licht und Dunkelheit, Bedeutung und Banalität: Die
klassischen Sujets von Arbeiten wie Funken (1970) oder Seestück
(1970) zitieren "Ausdruck" und scheinen zugleich merkwürdig entfernt. So
vereint sich in Farbfelder, Gelb-Blau-Rot (1974) die Wirklichkeit
einer gängigen Farbkarte mit formaler Abstraktion. Doch je leerer und offener
das Bild erscheint, um so näher kommt es dem eigentlichen Wesen von Richters
Malerei, bei der das Bild stets sich selbst zum Gegenstand hat.

 4.5.1982, Graphit und Tusche auf Papier © Deutsche Guggenheim Berlin

 4.5.1982, Graphit und Tusche auf Papier © Deutsche Guggenheim Berlin

 4.5.1982, Graphit und Tusche auf Papier © Deutsche Guggenheim Berlin
Wie
es Richters Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank dokumentieren, wechseln
in seinem Oeuvre abstrakte Arbeiten mit Landschaften, Portraits und Stilleben
und werden dabei in wechselnder Intensität von Zeichnungen begleitet. Anders
als in der Malerei ist das zeichnerische Werk Richters immer wieder von
großen zeitlichen Pausen durchsetzt. Neben Studien zu Glasobjekten und
Bildpräsentationen oder mechanischen Zeichnungen entstehen immer wieder
Zeichnungen nach abstrakten Bildern oder Serien von abstrakten Zeichnungen
wie 1978 die berühmte Halifax-Serie.
Diese Form der Zeichnung setzt sich bis in die neunziger Jahre fort, wobei
die Arbeiten kaum mehr Worttitel tragen, sondern nur noch eine Datierung,
die aber nicht unbedingt mit dem Entstehungsdatum übereinstimmt.
Den Linien
und Bewegungen seiner abstrakten Arbeiten stehen jene beinahe lakonisch
anmutenden Skizzen von alltäglichen Gegenständen, wie einer Zettelbox,
einem Bleistiftanspitzer, oder einem Telefon gegenüber, die Anfang der
neunziger Jahre entstanden. "Offenbar ist Richters zeichnerisches Werk
wie seine Malerei von der unabwendbaren Mehrdeutigkeit, Unbeständigkeit
und Zufälligkeit des Sichtbaren geprägt", schreibt Birgit Pelzer in ihrem
Beitrag zum Werkverzeichnis. In der Tat weist Richters Werk eine solche
Vielfalt und Wandlungsfähigkeit im Umgang mit den Paradigmen der Kunst
auf, dass man bei seiner Betrachtung immer wieder von Neuem anfangen muss.
Oliver Koerner von Gustorf
Alle Abbildungen: © Gerhard Richter, Köln |