Vom "großen Bunten" zum "kleinen Schwarzen"

 Eingangshalle der Artothek in Frankfurt
Die Frankfurter
Artothek der Deutschen Bank fordert den Besucher zum ganz persönlichen
Umgang mit Kunstwerken heraus. So mancher, der hierher kommt, um Bilder
für seinen Arbeitsplatz zu entleihen, stellt fest, dass die Frage nach
dem eigenen Kunstgeschmack gar nicht so einfach zu beantworten ist.

 Claudia Schicktanz und ihr Mitarbeiter öffnen die Stahltür zur Artothek
Zeitgenössische
europäische Malerei und Fotografie, Bilder der klassischen Moderne oder
aktuelle Gegenwartskunst: Wer sich als Mitarbeiter der Deutschen Bank ein
Kunstwerk aus den Beständen der Sammlung für sein Büro ausleihen will,
dessen Wünschen sind wohl kaum Grenzen gesetzt. Schließlich hat die Sammlung
den weltweit größten Bestand an Arbeiten auf Papier. Das einzige Hindernis,
das der Besucher der hauseigenen Artothek passieren muss, ist eine meterdicke
Stahltür am Eingang zum ehemaligen Kundentresor, in dem annähernd dreihundert
Werke in Holzregalen auf einen neuen Besitzer "auf Zeit" warten. Hier,
im Kellergeschoss eines Gebäudes unweit der Frankfurter Zwillingstürme,
stehen an jedem ersten Mittwoch im Monat zwei Expertinnen dem Kunstinteressierten
mit Rat und Tat zur Verfügung.

 In der Artothek Frankfurt
Claudia Schicktanz und Tanja Christ beraten die Bankkollegen bei der Suche nach dem passenden Bild für ihr
Büro, das den persönlichen Vorstellungen entspricht. Gelegentlich fällt
die Beratung jedoch umfassender aus als geplant, denn einige Gäste überkommt
angesichts der großen Auswahl von Kunstwerken der berechtigte Zweifel an
den eigenen Vorlieben und Abneigungen. |

 Auf der Suche nach dem passenden Bild: Besucher in der Artothek
"Neunzig Prozent unserer Besucher fragen
erst einmal nach etwas 'Großem Bunten' ", lacht die Kunsthistorikerin Claudia
Schicktanz und betont, dass die Zusammenkünfte in der Artothek auch für
sie durchaus überraschend verlaufen können. Aus den geplanten zwanzig Minuten
wird dann unter Umständen eine Stunde, in der sich das "Große Bunte" zum
"Kleinen Schwarzen" wandelt. Während die Auswahl besprochen und Arbeiten
begutachtet werden, fallen zuweilen Entscheidungen, die alle Beteiligten
verblüffen. "Es gab schon Fälle, da hat jemand Werke ausgesucht, die ich
so nie zusammengestellt hätte", sagt Tanja Christ, die seit zwei Jahren
die Artothek betreut, "aber trotz meiner ursprünglichen Vorbehalte fügte
sich alles hervorragend zusammen und ergab auch für mich einen neuen Blick
auf die Bilder."
Die Diskussion darüber, was denn wirklich "zusammen
passt" und an den Wänden eines Büros sowohl Individualität vermittelt als
auch den repräsentativen Anforderungen entspricht, verbindet sich mit der
Frage nach der eigenen Identität. "Ein Kunstwerk muss gut gelogene Natur
sein, eine gut getroffene Auswahl, ein Spiegel der Empfindungen", forderte
schon der rheinische Expressionist August
Macke. Die heiter gelöste Stimmung seiner Arbeit Auf dem alten Friedhof
in Thun (1914) empfindet die Mehrzahl der Betrachter auch noch heute
einfach als "schön". So gehören die Drucke seines Bildes wie auch Arbeiten
von Baselitz, Höckelmann und Penck zu den "Spitzenreitern" der am häufigsten
ausgeliehenen Werke.
Dass die deutsche Malergeneration der siebziger und
achtziger Jahre neben den Vertretern der klassischen Moderne in der Artothek
großen Anklang erfährt, liegt nicht zuletzt an der Präsenz dieser Künstler
in der Sammlung. Der Umgang mit Stilen und Kunstformen, die zum Zeitpunkt
des Ankaufes vor Jahren noch Anstoß erregten, ist inzwischen durch die
alltägliche Begegnung am Frankfurter Arbeitsplatz selbstverständlich geworden.
Neben Graphiken, Radierungen, Zeichnungen, Aquarellen und Drucken bietet
die Artothek auch Fotografien. Wer danach sucht, kann auf eine Fotoarbeit
von Bernd
und Hilla Becher oder ein Frauenportrait von Thomas Ruff stoßen. Doch
trotz Ruffs Prominenz wurde gerade dieses realistische Portrait schon mehrmals
zurückgegeben. Die jeweiligen Entleiher konnten die Frage, "Ist das Ihre
Frau da auf dem Foto?" einfach nicht mehr hören, erzählt Claudia Schicktanz.

 Fotokunst: Tanja Christ mit einem Frauenportrait von Thomas Ruff
Neben
der Artothek dienen die Räume in der Großen Gallusstraße auch als Depot
der Arbeiten, die für Filialen zusammengestellt werden, oder für Leihgaben
der Sammlung Deutsche Bank, die von Ausstellungen zurückkehren. Hier werden
die Bilder systematisch erfasst, vermessen und katalogisiert oder von Restauratoren
begutachtet, um dann schließlich an ihren jeweiligen Standort weitergeleitet
zu werden. Doch wer angesichts der 50.000 in der Sammlung vertretenen Werke
an diesem Ort riesige Hallen vermutet liegt falsch.
Wie sehr das Konzept
von Kunst am Arbeitsplatz aufgeht, offenbart sich auch in diesen eher bescheidenen
Räumen: Bis auf die für die Entleihung bestimmten Kunstwerke und einige
Arbeiten, die hier eine Zwischenstation gefunden haben, verteilt sich der
Bestand der Sammlung auf die weltweiten Standorte der Bank. Ausgedehnte
Lagerräume sind einfach deshalb nicht von Nöten, da die Exponate sich im
Umlauf befinden und tagtäglich gesehen werden – am Arbeitsplatz oder in
Museen auf der ganzen Welt.
Maria Morais |